28.01. – 118 Jahre DFB: Viel Gutes reicht nicht (mehr)

Am 28. Januar des Jahres 1900 gründet sich in Leipzig mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein Verband, der den noch jungen Fußball in geordnete Bahnen lenken sollte und dessen sportliche und gesellschaftliche Relevanz sich in nunmehr 118 Jahren immer weiter vergrößert hat. Heute bestimmt der DFB den deutschen Fußball in allen wichtigen Bereichen. Doch es ist längst nicht alles Gold, was glänzt.

von Lennart Birth
Woche: 22.01.2018 – 28.01.2018

Fußball – das sind 22 Spieler, die auf einem Stück Wiese für eine bestimmte Zeit einem Ball hinterherjagen und versuchen, diesen in eines der dafür vorgesehenen Tore zu befördern. Müsste man das Spiel auf seine simpelste Komponente herunterbrechen, so wäre dies sicherlich eine passable Definition. Allerdings würde man dabei das ganze „Drumherum“ völlig aus den Augen verlieren. Denn Fußball ist weit mehr als nur ein Spiel: Will man einen geordneten Sport für alle Bevölkerungsgruppen möglich machen, so ergeben sich zahlreiche organisatorische Hürden, die es zu meistern gilt. Dafür haben sich überall auf der Welt regionale und überregionale Fußballverbände gegründet, ohne die die Fußballwelt heute nicht funktionieren würde.

Einer davon ist in Deutschland wohl jedem Fan ein Begriff: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) existiert seit 1900 und begeht diese Woche somit seinen einhundertachtzehnten Geburtstag. Seit seiner Gründung am 28. Januar in einem Leipziger Gasthof hat es sich der Zentralverband zur Aufgabe gemacht, einen strukturierten Spielbetrieb zu ermöglichen. Und da in seinen Anfangsjahren der noch junge Fußball wenig organisiert gewesen ist, gehörte auch das Aufstellen von verbindlichen Regeln und Normen zu seinen ersten wichtigen Aufgaben.

Der DFB prägt den deutschen Fußball über Jahrzehnte

Doch der Reihe nach: Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Beliebtheit des „importierten Sports“ immer weiter an. War Fußball anfangs noch eine Randsporterscheinung – Turnen war zu der Zeit eine weitaus beliebtere Art der Leibesertüchtigung – sollte der Sport im Lauf der Jahre immer mehr Menschen in seinen Bann ziehen. Das machte das Vorhandensein einer ordnenden Institution notwendig.  Schon 1890 gründete sich hierfür in der Hauptstadt Berlin der „Bund deutscher Fußballspieler“, dem es jedoch an überregionaler Akzeptanz mangelte. Um dem Wunsch nach einer gesamtdeutschen Vereinigung nachzukommen, trafen sich Vereinsvertreter daher im Juli 1899 in Leipzig zu ersten Vorgesprächen, die einige Monate später in die Gründung des DFB mündeten.

„Die erste Sitzung verlief noch ergebnislos, aber am 28. Januar 1900 war es so weit: Mit 62:22 Stimmen wurde in der Leipziger Gaststätte „Mariengarten“ der Deutsche Fußball-Bund gegründet und Prof. Dr. Ferdinand Hueppe zum ersten Vorsitzenden gewählt.“ – DFB

Zügig versuchte der Verband nun, den Fußball in Deutschland weiterzuentwickeln und voranzubringen. 1903 führte man so die Deutsche Meisterschaft ein (erster Gewinner war übrigens der VfB Leipzig), fünf Jahre später wurde das erste offizielle Länderspiel gegen die Schweiz angepfiffen, das in diesem Kalenderblatt näher beleuchtet wird. Auch der noch heute existierende DFB-Pokal wurde unter Federführung des Fußball-Bundes 1935 ins Leben gerufen. Es gründeten sich Landes- und Regionalverbände und ein eigener DFB-Bundestag, der sich seit 1983 im drei-Jahres-Rhythmus konstituiert und bis heute regelmäßig mit relevanten Fragen der Sportpolitik befasst.

Die Zeit des Nationalsozialismus ging auch am DFB nicht spurlos vorbei, 1933 wurde dieser in den „Reichsbund für Leibesübungen“ eingegliedert und systematisch von Nationalsozialisten infiltriert. Nach Kriegsende 1945 erholte sich der Sport schnell, schon 1949 konnte der DFB in der Stuttgarter Oper seine Wiedergründung feiern. Ein Jahr später kehrte man in den Weltverband FIFA zurück.

Auch in den Folgejahren hat der DFB den deutschen Fußball entscheidend geprägt. Der Wettkampf um die A-Junioren-Meisterschaft (seit 1969) und eine Frauenliga (seit 1973) sind weitere wichtige Projekte des Verbandes geworden.
Ein weiteres historisches Ereignis der Verbandsgeschichte ist auf den 21. November 1990 datiert. Nachdem sich der Deutsche Fußball-Verband (DFV) tags zuvor aufgelöst hatte, traten die Vereine der ehemaligen DDR im neu gegründeten Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) dem DFB bei.

Die Gründung der DFL im Jahr 2000, durch die eine Trennung von Profifußball und Amateurbereich vorangetrieben wurde, stellte einen ebenfalls wichtigen Meilenstein dar. Aushängeschilder des DFB sind heute daher neben der Nationalmannschaft die 3. Fußball-Liga und der DFB-Pokal, während hingegen beide Bundesligen in den Kompetenzbereich der DFL ausgelagert wurden. Auch die Ausbildung von Schiedsrichtern, Trainern und Betreuern sowie die Verwaltung der Spielerpässe zählen heute zu den Aufgaben des DFB.
Dieser freut sich über stetiges Wachstum. Im Jahr 2017 waren insgesamt 24.958 Vereine mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern im DFB gemeldet. Bei mehr als 4.600 Vereinen entfallen dabei eine Million Mitglieder auf Bayern, den mitgliedsstärksten Landesverband. In Bremen sind immerhin 44.066 Vereinsmitglieder in 85 Vereinen aktiv.

 

DFB-Verbandszentrale in Frankfurt

Der Verband heute:
Gesellschaftliche Verantwortung und anhaltende Kontroversen

„Der DFB vertritt die Interessen seiner Mitgliedsverbände im In- und Ausland. Wichtigste Aufgabe des DFB ist die Ausübung des Fußballsports in Meisterschaftsspielen und Wettbewerben der Spielklassen des DFB, der Regional- und Landesverbände und der Lizenzligen. Er trägt die Gesamtverantwortung für die Einheit des deutschen Fußballs. Der DFB handelt in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung und fühlt sich in hohem Maße dem Gedanken des Fair Play verbunden. Seiner besonderen Förderung unterliegt auch der Freizeit- und Breitensport. Der DFB setzt sich für die Belange des Umwelt- und Naturschutzes ein.“  – DFB

Seine gesellschaftliche Rolle und die wachsende Verantwortung nimmt der Deutsche Fußball-Bund ernst. Zahlreiche Stiftungen und Programme des DFB versuchen, Menschen in Notlagen zu helfen und den integrativen Charakter des Spiels für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. So legt die Sepp-Herberger-Stiftung einen Schwerpunkt auf Resozialisierung und Behindertenfußball. Die DFB-Stiftung Egidius Braun konzentriert sich auf Sozialarbeit im Ausland und unterstützt beispielsweise Projekte in Mexiko und Osteuropa. Doch Experten geht das nicht weit genug.

„Wenn der moralisch abgewirtschaftete Fußball stabil bleiben will, dann braucht er ein neues Narrativ. Das Potenzial ist da: seit der Weltmeisterschaft 2006 spannt sich ein zivilgesellschaftliches Netz um den Fußball, das aber noch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt. Neunzig Stiftungen nutzen den Fußball als Vermittlungsmedium. DFB und die Deutsche Fußball-Liga investieren Millionen in ihre Projekte. Der Fußball bildet in der Gesellschaftspolitik einen soliden Zweig. Aber die Milliardenindustrie braucht einen ganzheitlichen Ansatz, damit es dem Gemeinwohl besser geht.“
– Journalist Ronny Blaschke in den 95 Thesen zum Fußball (120minuten)

Und auch in anderen Bereichen wird der DFB vielfach kritisiert. Seit Jahren liefern sich Fanszenen und Verband einen schmutzigen Schlagabtausch über die Frage nach Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Kommerzialisierung und Meinungsäußerung. Der DFB erstickt Kritik im Keim und ist wenig transparent in seiner Sportgerichtsbarkeit, so das Credo vieler Fans.  Neue Erkenntnisse rund um die WM-Vergabe 2006, die längst überfällige Regionalligareform und der Unwillen des DFB, auf einen Dialog einzugehen, verstärken den Unmut über den Verband. Die erfolgreiche Arbeit seit der Gründung gerät so in den Hintergrund und wird (teilweise zu recht) von kritischen Stimmen überlagert. Jüngst sorgte Rainer Koch für einen Aufschrei, als er bezogen auf den DFB-Bundestag davon sprach, dieser sei „[…] kein Parlament mit Regierung und Opposition. Wir wollen keinen Streit, keinen Ärger, sondern Harmonie.“ – ein interessantes Demokratieverständnis.

„Die Abstimmungen fielen fast alle einstimmig aus. Substanzielle Nachfragen stellte niemand. Die Redner ließen sich zu keinem Wort der Selbstkritik hinreißen […]“ – Journalist Oliver Fritsch über den DFB-Bundestag 2017 (ZEIT Online)

Der Verband steht heute vor den wohl größten Herausforderungen seit seiner Gründung. Entfernen sich Fans und Vereine weiter voneinander, droht die Blase zu platzen – mit wahrscheinlich fatalen Konsequenzen. Die wachsende Unruhe und gar eine Kriegserklärung (#KriegdemDFB) im vorangegangenen Jahr haben in der Frankfurter Verbandszentrale ein Umdenken bewirkt. Erstmals seit Jahren traf man sich 2017 wieder mit aktiven Fans zu Dialogveranstaltungen und setzte sogar die Kollektivstrafen aus.  Der erste Schritt in die richtige Richtung ist also gemacht. Doch wie es mit dem DFB und damit auch dem Fußball an sich in Deutschland weitergeht, liegt vor allem in der Hand des Verbandes selbst – weitere Reformen und ein ausgeweiteter Dialog mit allen Interessengruppen müssen jetzt folgen.

Weiterlesen

Geburtstage in der Woche vom 22. Januar bis 28. Januar

  • 22.01.: Marcel Schmelzer (1988)
  • 23.01.: Arjen Robben (1984)
  • 24.01.: Luis Suarez (1987)
  • 25.01. Xavi (1980)
  • 26.01.: Felix Lohkemper (1985)
  • 27.01.: Addy Brouwers (1946)
  • 28.01.: Siem de Jong (1989)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung aus der letzten Woche: Am 15. Januar 2015 trennten sich Real Madrid und Atlético Madrid im Stadtduell 2:2.

Bildnachweis:
Chivista, wikipedia commons

Überschrift:
Oliver Leiste

 

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