Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 23

BSG Aktivist Schwarze Pumpe – Eine persönliche Fußballerinnerung

Betriebssportgemeinschaft Aktivist Schwarze Pumpe – Nach Chemie Buna Schkopau ist das der zweite Mannschaftsname, der bei meinen Gegenübern immer wieder für Belustigung sorgt. Auch hier habe ich den Namen nie als außergewöhnlich angesehen, da ich mit dieser Mannschaft groß geworden bin, denn es war die erste Fußballmannschaft, an die ich mein Herz verlor.

Von Clemens Kurek (@berlinscochise)

Betriebssportgemeinschaften mit der Bezeichnung „Aktivist“ standen in der DDR für Vereine, die dem Industriezweig Bergbau nahe standen. Als weitere bekannte Mannschaft mit diesem Namen ist BSG Aktivist Brieske Senftenberg zu nennen. Aber was soll das mit „Schwarze Pumpe“ da im Namen, werden sich manche von Euch fragen.

Das Dorf Schwarze Pumpe liegt in der Niederlausitz und ist heute ein Ortsteil von Spremberg, meinem Heimatort. Der Name geht auf einen Gasthof zurück, der erstmals 1820 urkundlich erwähnt wird. Rund zwanzig Jahre später gab es dort neben dem Gasthof auch noch eine Ziegelei. Mit dem aufkommenden Braunkohlebergbau am Ende des 19. Jahrhunderts begann auch die Ortschaft immer weiter zu wachsen. Aber erst zu Zeiten der DDR begann der richtige Aufschwung. Denn am 23. Juni 1955 wurde der Regierungsbeschluss gefasst, in Schwarze Pumpe das VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe zu errichten, dem zur damaligen Zeit größten Braunkohleveredelungsbetrieb der Welt. Der Betrieb bestand aus Gaswerken, Heizwerken, Kokerei und Brikettfabriken.

Wie so viele industrielle Großprojekte in der DDR schuf auch Schwarze Pumpe jede Menge Arbeitsplätze und zog Menschen aus dem ganzen Land an. Deutlich macht das die Bevölkerungsentwicklung für Schwarze Pumpe. Zwischen Kriegsende und Mitte der 60er Jahre versiebenfachte sich die Bevölkerung fast von knapp 2.000 auf über 7.000 Einwohner_innen. Um diesen Zuzug Herr zu werden, wählte man die Kleinstadt Hoyerswerda, um hier neue Wohngebiete zu schaffen.

1955 hatte Hoyerswerda etwas weniger als 10.000 Einwohner_innen. Keine dreißig Jahre später lag die Einwohnerzahl bei deutlich über 70.000. Für all diese Leute mussten neue Wohnquartiere geschaffen werden. In Hoyerswerda nannte man diese offiziell Wohnkomplexe, abgekürzt WK. Bis zum Ende der DDR wurden mehr als zehn dieser Quartiere errichtet.
Meine Eltern gehörten zu der ersten Generation von Leuten, die wegen des Gaskombinats in die Lausitz nach Hoyerswerda zogen. Mein Vater war 1961 aus Polen in die DDR gekommen, um bei Buna in Schkopau Ingenieure in der Handhabung seiner Patente zu schulen. Mein Vater ist studierter Bergbauingenieur. Das Schicksal wollte es so, dass er in Schkopau meine Mutter traf und heiratete. 1964 sind sie nach Hoyerswerda gezogen, weil mein Vater beim Aufbau der Kokerei im Kombinat mithelfen sollte. Er blieb in der Kokerei bis 1994 tätig. Eine seiner letzten wichtigen Aufgaben war der Abriss. Er meinte mal, „ich habe die Kokerei mit aufgebaut und nach gut dreißig Jahren auch wieder mit abgerissen, wer kann das von seinem eigenen Arbeitsplatz schon behaupten?“ Aber bevor ich hier zu sehr ins Private abschweife, zurück zum Fußball.

Um den Menschen sportliche Angebote zu schaffen, wurde bereits im Jahr 1956 die BSG Aktivist Schwarze Pumpe gegründet. In den ersten Jahren spielten sie noch in Spremberg. 1960 erfolgte der Umzug nach Hoyerswerda ins Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion im WK I. Als ich 1976 in Hoyerswerda geboren wurde, wohnten wir im 10. Stock eines Plattenbaus in der Wilhelm-Pieck-Straße 32D. Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion war keine zehn Minuten Fußweg von uns entfernt. Und da Aktivist in den Jahren meiner Fußballsozialisierung in der DDR-Liga, Gruppe A, immer gut mit dabei war, verlor ich mein Herz an diesen Verein und verbrachte besonders in der Saison 1984/1985 viele Sonntage mit meinem Vater dort. Diese Saison war besonders, denn es war die erste Saison nach der Ligareform. Aus der fünfstaffeligen Liga wurde eine zweigleisige Liga. Und Schwarze Pumpe spielte in der Gruppe A.

Die Gegner dort hatten alle klangvolle Namen, wie z.B. BSG Schiffahrt/Hafen Rostock, ASG Vorwärts Stralsund oder BSG Post Neubrandenburg. Natürlich gab es heiße Lokalderbys gegen BSG Energie Cottbus und BSG Aktivist Brieske-Senftenberg. Aber es ist dieses eine Spiel, das mir von dieser Saison besonders in Erinnerung geblieben ist, das war das Heimspiel gegen Union Berlin.

Es war Sonntag, der 19. August 1984, der erste Spieltag zur neuen Saison und zum Auftakt hatte Pumpe gleich den Oberliga-Absteiger 1. FC Union Berlin zu Gast. Ich hatte meinen Vater bekniet, dass wir da gemeinsam hingehen. Als wir am Stadion ankamen, erkannte ich, dass wir nicht die einzigen waren, die die Idee zum Stadionbesuch hatten. Es gab lange Schlangen vor dem Kassenhäuschen. Als um 14 Uhr der Anpfiff erfolgte, standen wir noch in der Schlange. Als kurz darauf Ohren betäubender Jubel ertönte, wurde uns klar, dass wir soeben die Pumpsche Führung verpasst hatten. Kurz darauf waren wir dann aber im Stadion und das dann rechtzeitig zum 2:0, das von Pumpe dann bis zur Halbzeit gehalten werden konnte. In der zweiten Halbzeit gelang Union noch der Anschluss, aber nach 90 Minuten war die Sensation perfekt. Pumpe gewann 2:1.

Auf dem Weg nach Hause war ich irritiert, warum die Straßen rund ums Stadion so leer gefegt waren. Also ich zu Hause auf dem Balkon stand, wurde mir klar warum, weil die etwa 1.000 Union-Fans abgeschottet von einem Polizei-Kordon durch die menschenleeren Straßen zum Bahnhof begleitetet wurden. Das war das erste Mal, dass ich den Ruf „EISERN UNION“ hörte. Ich, als Achtjähriger, empfand diese Situation ängstigend gespenstisch, aber auch zugleich faszinierend. Denn hier habe ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, was es heißen kann, ein Fußballfan zu sein.

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 183-78464-0001 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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Tür 24 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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