Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 22

Der erste echte Fußballclub der DDR – (k)eine Weihnachtsgeschichte

„Moderner Fußball“ ist ja so eine Floskel, die man im Zusammenhang mit Diskussionen über unser aller Lieblingsspiel immer mal wieder hört. Gemeint ist damit einerseits oft die zunehmende Kommerzialisierung und das Spiel als Event für die ganze Familie, auf der anderen Seite spricht man dann häufig von den aktuellsten taktischen Finessen, der Schnelligkeit des Spiels oder der Vielseitigkeit der entsprechenden Akteure. Der Wunsch nach mehr ‚modernem Fußball’ und vor allem nach internationalen Erfolgen war es auch Mitte der 60er Jahre, der die sportpolitische Obrigkeit der Deutschen Demokratischen Republik dazu veranlasste, die Fußballsektionen aus den bis dato existierenden Sportclubs herauszutrennen und zu reinen Fußballclubs werden zu lassen. Der erste überhaupt, der auf diese Weise am 22.12.1965 gegründet wurde war: der 1. FC Magdeburg.


Von Alex Schnarr (120minuten | nurderfcm.de)

Kommerz und Event hatten die Funktionäre des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und des Deutschen Fußballverbandes (DFV) allerdings wohl weniger im Sinn. Tatsächlich ging es darum, „unsere Leistungen auf schnellstem Weg auf ein höheres Niveau zu heben. […] Für den Verband ergibt sich ganz einfach die Notwendigkeit, für eine straffere Lenkung dieser Vertretungen, für eine noch zielgerichtetere Planung zu sorgen“ , so DFV-Präsident Helmut Riedel 1965. Zu schwankend waren die Ergebnisse der DDR-Nationalmannschaft, zu wenig Erfolg war den Vereinen auf dem internationalen Parkett beschieden. Das sollte sich zwar auch nach 1965 nicht wesentlich ändern, immerhin führte aber der von DTSB und DFV gemeinsam getroffene Beschluss zu einer gewissen Talente-Konzentration in einigen ausgewählten Standorten und letztendlich auch dazu, dass der 1. FC Magdeburg 1974 mit einer reinen Bezirksauswahl den größten Erfolg einer Vereinsmannschaft in der Geschichte des DDR-Fußballs unter Dach und Fach brachte, als der Club gegen den AC Mailand sensationell den Europapokal der Pokalsieger gewann.

Der FCM entstand also durch die Ausgliederung der Fußballsektion aus dem SC Aufbau Magdeburg, der später als SC Magdeburg unter anderem im Handball, im Rudern und in der Leichtathletik national und international für Furore sorgte und, ganz nebenbei, sogar eine Wintersportmedaille in seiner Vereinschronik aufführen kann: 1956 gewann Harry Glaß in Cortina d’Ampezzo für den SC Magdeburg Bronze im Skispringen und damit gleich noch die erste olympische Medaille der DDR überhaupt.

Im Rahmen der FCM-Gründungsversammlung am 22. Dezember 1965 wird ein gewisser Ernst Hoberg zum Vorsitzenden berufen. Und da Hoberg gleichzeitig noch den Posten des General-Direktors im „Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann“ (kurz: SKET) ausfüllt, bleiben das Kombinat und der 1. FC Magdeburg von hier an weiterhin eng miteinander verbunden. So eng, dass sich die Spielergebnisse der Fußballer mitunter sogar direkt auf die Produktivität der Arbeiter auswirkten, was wiederum dazu führte, dass der Mannschaft quasi eine gewisse Mitverantwortung bei der Erfüllung des Plansolls zuteil wurde.

Mit der Clubgründung waren natürlich auch eine ganze Menge Erwartungen an den nun hoffentlich bald einsetzenden sportlichen Erfolg verbunden, schließlich wohnten der Gründungsversammlung auch der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Alois Pisnik, der DTSB-Vize des Bezirks Magdeburg, Harry Renning, und Helmut Hackenberg als Vertreter der Stadt Magdeburg bei. Kapitän Hermann Stöcker gab denn auch gleich verantwortungsbewusst zu Protokoll, sich der großen Verpflichtung bewusst zu sein, Ernst Hoberg forderte höchste Disziplin und volle Einsatzbereitschaft.

Nun wohnt der Geschichte des ersten echten Fußballclubs der ehemaligen DDR allerdings hier und da eine gewisse Tragik inne – so verbaselte man nach dem Mauerfall nicht nur mehrfach den Sprung in den Profifußball und brauchte geschlagene 25 Jahre, bis man dem Amateurlager endlich enfloh. Auch die Clubgründung 1965 stand unter keinem sonderlich guten Stern. Aller Beteuerungen zum Trotz beendete man die Spielzeit 1965/1966 mit 19:33 Punkten und lediglich 19 erzielten Toren auf dem 14. Tabellenplatz und stieg somit in die zweitklassige DDR-Liga ab.

Der Beitrag ist ein punktuell veränderter Auszug aus dem Buch „111 Gründe, den 1. FC Magdeburg zu lieben“.

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Tür 23 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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