Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 21

BSG Chemie Buna Schkopau – Eine persönliche Fußballerinnerung

Betriebssportgemeinschaft Chemie Buna Schkopau – Wenn ich in Gesprächen diesen Mannschaftsnamen erwähne, gibt es eigentlich nur zwei Reaktionen meiner Gegenüber. Entweder wird wissend genickt oder, und das ist die häufigere Reaktion, die Gesprächspartner sind irritiert. Für die Mehrheit ist das ein sehr skurriler Name für eine Fußballmannschaft, was zwei Gründe hat. Zum einen wird der Ortsname Schkopau schon als eigenartig oder als witzig empfunden. Zum anderen wirkt es eigenartig, dass Industriebezeichnungen im Mannschaftsnamen auftauchen. Im DDR-Fußball war das aber gang und gäbe.

Von Clemens Kurek (@berlinscochise)

Anhand der Namensteile konnte man gleich zuordnen, aus welchen Bereichen die Mannschaften stammen. Am bekanntesten sind natürlich die Dynamo-Mannschaften. Das waren die, die zunächst den inneren Sicherheitsorganen (Polizei und Staatssicherheit) zugeordnet werden konnten. Unter dem Namen Vorwärts firmierten alle Mannschaften der Nationalen Volksarmee. Weitere bekannte Vereinigungen trugen Namen wie Aktivist (Bergbau), Rotation (Druck und Papier), Stahl oder eben Chemie.

Und das Team aus Schkopau hieß halt BSG Chemie Buna Schkopau, weil in Schkopau die bekannten Buna-Werke verortet sind. Buna ist ein Kunstwort, welches auf die Produktion von Synthesekautschuk aus BUtadien und NAtrium verweist. Mit diesem Wissen macht dann auch die bekannteste Leuchtreklame der DDR, „Plaste und Elaste aus Schkopau“, Sinn, die auf der Transitstrecken zwischen Berlin und Westdeutschland leuchteten.

Mich hat dieser Name nie irritiert. Ich empfand ihn als normal, was vor allem daran lag, dass meine Großeltern mütterlichseits in Schkopau lebten und arbeiteten. Sie sind Ende der vierziger Jahre dort gelandet. Es ist eine typische deutsche Lebensgeschichte, wie sie so viele haben. Meine Großeltern stammen eigentlich aus Hindenburg, dem heutigen Zabrze. Großvater, Jahrgang 1905, wurde im Juli 1945 in Tamsweg, Salzburger Land, von französischen Truppen gefangen genommen und kehrte Ende der vierziger Jahre heim. Meine Großmutter, Jahrgang 1912, wurde zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden Töchtern, eine davon meine damals vierjährige Mutter, im Januar 1946 in die sowjetische Besatzungszone umgesiedelt. Über einige Stationen landete sie schließlich in Schkopau, wo dann eines Tages mein Großvater urplötzlich wieder vor der Tür stand. Sie blieben dort bis zu ihrem Tod. Mein Großvater starb 1980, meine Großmutter 1986.

In den ersten zehn Jahren meines Lebens waren wir sehr häufig zu Besuch bei meinen Großeltern. So auch im April 1982. Zu der Zeit spielte die BSG Chemie Buna Schkopau das erste, und wie die Geschichte später erweisen sollte, auch das einzige Mal in der DDR-Oberliga.

Chemie Buna Schkopau war eigentlich eine klassische Zweitliga-Mannschaft. Schkopau spielte insgesamt 18 Saisons in der DDR-Liga. In 474 Spielen gelangen 176 Siege und 131 Unentschieden. Es gab 164 Niederlagen. Das Punkteverhältnis lag bei 489:459 und das Torverhältnis bei 701:649. In der ewigen Tabelle ergibt das einen soliden 24. Platz. Doch in der Saison 1980/1981 gelang ganz überraschend der Aufstieg. So etwas war im DDR-Fußball eigentlich nicht vorgesehen, denn die Oberliga war eigentlich den Spielvereinigungen (SV) vorbehalten. Die Betriebssportgemeinschaften hatten da eigentlich nichts zu suchen. Daher sprach man damals von der größten sportlichen Sensation im DDR-Fußball. Der Sporthistoriker Hanns Leske schrieb dazu: „Es gab ja diese Hierarchie im DDR-Fußball, die zwischen Fußballklubs und den BSGen unterschied und es gab eben in der Provinz Vereine, die niemals in der DDR-Oberliga auftauchen sollten. Von daher war es ein Webfehler der DDR-Fußball-Geschichte. Der dann auch sehr schnell bereinigt wurde, weil Schkopau auch gar nicht die ökonomischen Mittel hatte, mitzuhalten.“ Auch wenn die Saison sportlich bescheiden verlief, in 26 Spielen drei Siege, fünf Unentschieden und 18 Niederlagen mit einem Torverhältnis 21:77, ist man in Schkopau darauf immer noch stolz. Und in der ewigen Tabelle ist man nur Vorletzter, denn die BSG Motor Suhl, die in der Saison 1984/85 in der Oberliga spielte, hat noch schlechter abgeschnitten, ein Sieg, drei Unentschieden und 22 Niederlagen.

Mir als Fünfjährigem war das am 10. April 1982 alles egal. Ich freute mich einfach auf Fußball, denn mein Vater hatte bei unserem Besuch in Schkopau beschlossen, dass er mit mir zum Heimspiel gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig geht. Das wurde mein allererstes Fußballspiel, das ich in einem Stadion sah. Zu der Zeit begann ich, dank meines Vaters, mich langsam für Fußball zu interessieren.

Ich muss ehrlicher Weise gestehen, dass ich nicht mehr all zu viele Erinnerungen an dieses Spiel habe. Ich weiß nur noch, wie ich an der Hand meines Vaters in einer für mich großen Masse von Menschen in brauner und beiger Kleidung zum Stadion der Chemiearbeiter gelaufen sind. Eine weitere Erinnerung zeigt mir, wie ich in der Kurve hinter dem Tor stehe und, aufgrund all der großen Menschen um mich herum, kaum etwas vom Spiel sehe. Nur eins weiß ich bis heute mit großer Sicherheit, wie faszinierend und aufregend ich das alles fand. Zurück in der Wohnung meiner Großeltern habe ich aufgeregt darüber erzählt und ich hoffte darauf, mich beim Bericht in Sport aktuell vielleicht im Fernsehen zu entdecken.

Alles andere zum Spiel musste ich recherchieren. Buna ist zu Hause vor 7.000 Zuschauer_innen mit 1:4 untergegangen. Für Leipzig spielten damals so große Namen wie René Müller und Matthias Liebers. Während die Schkopau-Startelf wie folgt aussah: Jochen Habekuß, Gerd Koßmann, Roland Demmer, Herbert Skowronek, Rainer Radsch, Rainer Langer, Roland Nowotny, Thomas Meichsner, Ralf Pretzsch, Rainer Wallek und Dieter Ceranski.
Bewegtbilder findet man kaum von dieser Saison, außer diesen Zusammenschnitt auf Youtube:

Beitragsbild: DSC08537 von Groundhopping Merseburg via Flickr | Lizenz: CC BY-NC 2.0

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Tür 22 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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