Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 2

Der westfälische Fanfrieden

Jahrelang waren die Ultra-Gruppen von  Preußen Münster zerstritten und verfolgten die Spiele in verschiedenen Blöcken. Nun haben sie Frieden geschlossen – auch, um sich ein ziemlich ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk zu machen.

Jahrelang herrschte Streit in der Fankurve von Preußen Münster.

Von Oliver Leiste (120minuten)

Ein pompöser Auftakt, verheerende Gewalt, schließlich ein langsames Abklingen der Konflikte, gefolgt von zähen Friedensverhandlungen und schließlich einer Einigung in Münster. Und am Ende weiß keiner mehr so genau, wie und warum der ganze Streit eigentlich angefangen hat. So, oder so ähnlich lässt sich der 30-jährige Krieg zusammenfassen, der zwischen 1618 und 1648 in Europa, vor allem aber in den deutschen Landen tobte. Und der mit dem Westfälischen Frieden, ausgehandelt in Münster und Osnabrück, sein Ende  fand.

Getöse, Gewalt und ein äußerst zäher Annäherungsprozess – diese Zusammenfassung gilt auch für einen weiteren Konflikt, der Münster in den vergangenen Jahren beschäftigte: Der Fanstreit bei Preußen 06. Klar, sicher nur schwer vergleichbar mit jahrzehntelangen Kriegswirren und massivem Elend. Aber eben doch ziemlich langwierig und für alle Beteiligten vermutlich extrem nervend.

Alles begann mit der Spaltung der örtlichen Ultraszene im Preußenstadion. Seit 2003 hatte die “Curva Monasteria” als übergeordnetes Sammelbecken der aktiven Fangruppen gedient. Im Winter 2008 verließ die Gruppe “Deviants” die “Curva” und suchte sich im Block M des Stadions eine neue Heimat – zwei Blöcke entfernt von ihrem alten Standort und den früheren Verbündeten. Einen Fenstersturz oder ähnlich dramatischen Auslöser gab es wohl nicht. Zumindest lässt er sich aus der Ferne nicht ergründen. Auch verschiedene Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigten, bringen hierzu keine Erkenntnisse.  Die Gründe, die hinter der Trennung lagen, sind dagegen sehr wohl bekannt. Es gab Streit über die Gestaltung des Supports, den Umgang mit schwarzen Schafen und über die politische Ausrichtung der Fankurve.

Pyro, Gewalt und fünf Stimmungsblöcke

Fortan erlebten die Besucher des Preußenstadions ein seltsames Spektakel. Aus verschiedenen Richtungen wurden unterschiedliche Gesänge angestimmt, teilweise gab es mehrere Choreografien oder Pyroaktionen während eines Spiels, initiiert von den getrennten Gruppen, die über Jahre hinweg ein Blocklänge Abstand zueinander hielten. Nachdem die Curva Monasteria” 2011 ihre Zaunfahne verlor und sich auflöste, verstärkte sich das Chaos noch. Andreas Bode, damals im Vorstand des Fanprojekts, beschrieb es im Gespräch mit dem Magazin 11Freunde so: “Im Grunde haben wir fünf Stimmungsblöcke. Und das ist so unbefriedigend, wie es klingt.” Die übrig gebliebenen kleineren Gruppierungen sammelten sich bald darauf als “Fiffi-Gerritzen-Kurve”.

Weil die verschiedenen Gruppen ihren eigenen Status immer wieder zu untermauern versuchten, wurde teilweise wild gezündet. Die Folge: Preußen Münster belegte in der Strafentabelle über Jahre hinweg immer wieder Spitzenplatzierungen. Hinzu kamen körperliche Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen und sogar von gegenseitigen Hausbesuchen hört man.  Selbst die gegnerischen Vereine mussten sich mit der Problematik auseinandersetzen. Ihre Anreise zu den Auswärtsspielen organisierten die Münster-Gruppen getrennt. In den Gästeblöcken der Republik beanspruchten sie verschiedene Bereiche. Wo immer das nicht möglich war, in Halle zum Beispiel, wurden die Partien als Sicherheitsspiel eingestuft.

Doch im Laufe der vergangenen Spielzeiten verblasste die Feindschaft nach und nach. Ältere Gruppenmitglieder, womöglich die treibenden Kräfte der Trennung, schieden aus. Die Gruppierungen veränderten sich. Der Hass wich zunächst gegenseitiger Ignoranz. Dann startete ein Prozess, in dem sich beide Seiten wieder zu akzeptieren begannen. Auswärts verzichtete man zunehmend auf die räumliche Trennung und ging bald dazu über die eigene Mannschaft wieder gemeinsam zu unterstützen.

 Frieden im Herbst

Im Herbst 2017 folgte dann schließlich der lang ersehnte Westfälische Frieden. Beim Heimspiel gegen Fortuna Köln Anfang November zogen die “Deviants” wieder in den Nachbarblock. Gemeinsam mit der “Fiffi-Gerritzen-Kurve” erklärten sie, künftig mit einer Stimme sprechen und vor allem singen zu wollen. Neben der schon länger anhaltenden Entwicklung dürfte ein Ereignis den ZUsammenschluss erheblich begünstigt haben: Preußen Münster strebt Anfang 2018 die Ausgliederung der Profiabteilung an. Ein Vorhaben, das den Ultras, egal welcher Gruppierung, zutiefst zuwider ist. Ihre Wiedervereinigung ist deshalb auch der Versuch, Geschlossenheit zu demonstrieren, um ihren eingetragenen Verein zu erhalten. Es wäre für viele Ultras ein verspätetes Weihnachtsgeschenk.

Der Frieden der Münsteraner Ultras dürfte für Verein und die übrigen Fans zunächst einmal ein Segen sein. Beendet er doch eine fast zehnjährige Periode nervigen Kleinkriegs im eigenen Stadion. Eine schöne Geschichte für die Weihnachtszeit ist es allemal. Doch der Zusammenschluss bedeutet auch erheblichen Gegenwind für die Ausgliederung und könnte für die Preußen zu einer bösen Überraschung werden. Ob der Zusammenschluss auch das – noch nicht absehbare – Ergebnis der Ausgliederungsabstimmung schließlich überdauert, wird erst die Zeit zeigen.

Tür 3 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeitenund 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

 

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