Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 1

England – Deutschland, 1. Dezember 1954, Wembley

England gegen Deutschland oder Krieg mit anderen Mitteln? Fußballspiele zwischen englischen und deutschen Nationalmannschaften bekamen sehr oft einen kriegerischen Anstrich, nicht zuletzt von den Pressekollegen jenseits des Kanals. So jedenfalls schien es in den 1980er und 1990er Jahren, als der Begriff „Kraut“ die Bezeichnung für Deutsche schlechthin war. Die Krönung erfolgte 1996, als der Daily Mirror einen Fußballkrieg an Deutschland erklärte. Doch dem war nicht immer so. Im Dezember 1954 kam die DFB-Elf als Weltmeister nach London und die Presse war vergleichsweise freundlich mit Herbergers Mannschaft.

Für beide stand einiges auf dem Spiel. England hatte seit dem November 1953 damit leben müssen, nicht mehr zur Weltelite des Fußballs zu gehören; zwei schmerzhafte Niederlagen gegen Ungarn und ein Ausscheiden im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in der Schweiz gegen Uruguay, den damals amtierenden Weltmeister, hatten die englischen Flügel gehörig gestutzt. Da kam so ein Spiel gegen den neuen Weltmeister Deutschland gerade recht. Die Herberger-Elf hatte mit eigenen Problemen zu kämpfen. Spiele gegen Frankreich und Belgien wurde verloren. Von der siegreichen Mannschaft von Bern waren nur 3 Spieler fit und einsatzbereit: Posipal, Kohlmeyer und Liebrich. Verletzungen und eine Gelbsuchtepidemie dezimierten die Auswahl für Herberger. Letztere führte erneut zu Dopinggerüchten, nicht zuletzt durch die englische Presse, als Desmond Hackett bei Sepp Herberger nachhakte, ob seine Mannschaft wieder ‘pep injections’ bekommen würde.

Überraschenderweise waren die englischen Tageszeitungen Ende November 1954 sachlich, als Deutschland erstmals seit 1938 wieder gegen England spielen sollte. Klar, der Krieg war auf beiden Seiten tief in die Erinnerung eingebrannt, doch lag es beiden Seiten fern, dies verbal zur Schau zu stellen und als Schild vor sich her zu tragen.

Die Times berichtete, dass Deutschland nicht in Bestbesetzung antreten würde und schloss, dass England es lieber gehabt hätte, wenn der Gegner mit der stärksten Elf auflaufen würde. Die Regenbogenblätter Daily Mirror und Daily Express sahen das ganz anders. Für den Express sah es so aus, als hätte Deutschland bereits die passenden Ausreden parat für den Fall einer Niederlage. Natürlich war sich das Blatt sicher, dass man die ‘World Soccer champions’ schlagen würde. Für den Mirror war es eine lose-lose-Situation:

‘Armes England! … Wenn England Deutschland schlägt, heisst es, sie hätten nur eine B-Mannschaft geschlagen. Verliert England, heisst es, sie können nicht einmal Deutschlands B-Elf schlagen.’

Es gibt sicher bessere Ausgangspunkte für ein Spiel. Es war ein Sport für die englische Presse, den Spielausgang vorherzusagen. Der Daily Herald sagte ein Ergebnis mit zwei oder drei Tore Unterschied voraus; die Daily Mail sah ‘mindestens ein 5-1’ kommen. David Downing unterstellte den englischen Reportern Amnesie, da sie kollektiv die Ergebnisse der Weltmeisterschaft ignorierten.

Die Sonne schien, als beide Mannschaften den Rasen von Wembley betraten. Die nächste Nagelprobe stand an: wie würden die Zuschauer auf die deutsche Hymne reagieren? Mit respektvollem Schweigen, wie der Daily Telegraph berichtete.

Nach einer frühen Chance für Deutschland waren es die Engländer, die spielten und nach zwanzig Minuten hätte es schon 4-0 stehen können, hätte nicht Herkenrath im Tor grandios reagiert. Es dauerte 27 Minuten, ehe Roy Bentley das 1-0 machte. Erst nach der Pause erhöhte England auf 2-0 und erspielte sich hernach Chance auf Chance, ohne weitere Tore zu erzielen. Und wie es so ist im Fußball, wenn man die Dinger vorn nicht reinmacht, klingelt es im eigenen Kasten. Der 18-jährige Uwe Seeler schaffte es, sich von seinem Bewacher Billy Wright zu befreien und passte in die Mitte zu Beck, der vollendete. Es folgten einige unruhige Momente für England, ehe Len Shackleton mit einem Lupfer zehn Minuten vor Abpfiff den 3-1 Endstand wieder herstellte.

Das Spiel war eine Tortur für Kohlmeyer, denn er hatte die Aufgabe, Stanley Matthews aus dem Spiel zu nehmen. Eine Aufgabe, die auf dem Papier schon nicht leicht erschien und sich im Spiel als unmöglich herausstellte. Der Korrespondent der Times, Geoffrey Green, umschrieb es, als wolle Kohlmeyer ‘einen Lichtstrahl mit einer Streichholzschachtel einfangen.’ Matthews selber sagte in seiner Autobiografie, dass er mit Kohlmeyer einen Tanz veranstaltete.

Nach dem Spiel war sich die Presse einig: England hätte höher gewinnen müssen. Und die Reporter fragten sich, warum man die Deutschen denn nicht mit einer Packung nach Hause geschickt hat, wenn man denn schon so überlegen war? Einzig Geoffrey Green machte eine Ausnahme, indem er Herkenrath und Liebrich lobend erwähnte. Er ging noch einen Schritt weiter und nannte die deutsche Abwehrreihe ‘eine veritable Siegfried-Linie.’ Er fügte außerdem hinzu, dass Deutschlands Spielanlage ihm gefallen hat und dass England trotz des Sieges nun nicht automatisch zu den Top-Mannschaften zu zählen sei.

Ganz anders dagegen die Regenbogenpresse, allen voran der Daily Express. Der sah einen ‘Ein-Mann-Blitzkrieg’ von Stanley Matthews und führte weiterhin aus, dass ‘wir sie geschlagen haben, wir haben sie gründlich verhauen und hätten noch weit mehr Tore erzielen müssen’. Gleichzeitig gab es Schelte für die englischen Spieler. In einer Reihe von Karrikaturen wurden die Torschützen dargestellt, wie sie Briefe der Abbitte schrieben, weil sie sich angeblich zu freundlich gegenüber den Deutschen verhalten hätten. Die Intention war klar: England hätte deutlich höher siegen müssen. Ganz ohne Seitenhieb und Empörung ging es in England dann allerdings nicht. Im Daily Mirror schrieb Peter Wilson einen wütenden Kommentar. Anlass war eine Behauptung in der ‘Welt’, dass eine vollzählige deutsche Mannschaft England geschlagen hätte und dass England einzig und allein wegen eines hervorragenden Stanley Matthews gewonnen hätte. Dies war Grund genug für Wilson, von einem Stich in den Rücken zu sprechen.

England gegen Deutschland anno 1954 war ein ganz anderes Spiel mit sehr unterschiedlichen Perspektiven als es heute der Fall ist. Für England war es wichtig zu gewinnen nach einem erkenntnisreichen Jahr. England konnte seine Serie gegen Deutschland fortsetzen und war nun nach sieben Spielen zum fünften Mal siegreich gegen Deutschland gewesen. Für Deutschland ging es in Wembley um Schadensbegrenzung, nachdem eine Reihe wichtiger Spieler ausgefallen waren und seit Bern die Siege ausblieben.

Das Spiel bedeutete die Wiederaufnahme der englisch-deutschen Fußballrivalität nach 1945 und war der Auftakt zu einer ganz besonderen Beziehung.

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Tür 2 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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