29.11. – Més que un club

Am 29.11.1899 wurde der FC Barcelona gegründet – auf eine Zeitungsannonce hin. Über Widersprüche zwischen Demut und Kommerz, einen Champions-League-Abend im September 2014 und die Anfänge eines Weltvereins.

Von Alex Schnarr (120minuten)
Woche vom 27. November bis 3. Dezember

September 2014, Gruppenphase der Champions League, der FC Barcelona spielt gegen APOEL Nikosia. Stolze 100 Euro kosten uns die Tickets. Pro Person. Dafür sitzen wir aber auch auf Höhe der Mittellinie und ungefähr 10 Reihen vom heiligen Rasen entfernt. Wenige Minuten noch, dann werden wir hier tatsächlich Messi, Neymar, ter Stegen, Xavi und Co. beim Sport treiben zuschauen. Live und in Farbe. Vor und hinter uns: Selfie-süchtige Tourist*innen aus aller Herren Länder, die das Spiel lediglich aus der Perspektive der Frontkamera ihrer Smartphones erleben werden. Neben uns: Dauerkartenbesitzer*innen aus Barcelona, die uns vor allem dadurch in Erinnerung bleiben, dass sie das Spiel dauernörgelnd ob der Leistungen der Millionäre auf dem Platz verbringen.

“Ey, Ihr seht hier regelmäßig die besten Fußballer der Welt ihrer Arbeit nachgehen. Und meckert, als würden die gleich absteigen. Was stimmt mit Euch nicht?”, geht es mir im Verlauf der Partie mehrfach durch den Kopf, während ich mit halb offenem Mund und verklärtem Blick zuschaue, wie Lionel Messi im Prinzip auf dem Platz steht, als hätte ihn irgendjemand dort vergessen, nur, um dann hin und wieder mal zu explodieren und seine Gegenspieler wie Slalomstangen zu umkurven. Das eigene Herzensteam sollte übrigens zwei Tage später im Regionalliga-Spitzenspiel gegen Wacker Nordhausen antreten. In einer völlig anderen Welt und, genau genommen, eigentlich auch in einer völlig anderen Sportart. Das, was es hier heute zu sehen gab, hatte mit dem Fußball, den ich sonst so gewohnt war, jedenfalls nicht mehr allzu viel zu tun.

Zugegeben, ich war gar nicht so richtig sicher, was ich von diesem Champions-League-Abend erwarten konnte. Überzeugt war ich aber davon, dass die Beletage des europäischen Fußballs eine ziemliche Kommerzveranstaltung werden würde. In meinem Kopf hatte ich irgendwie so das Bild von einem hyperventilierenden Stadionsprecher, der bei ungefähr jeder Ballberührung irgendeinen anderen Sponsor erwähnen würde. Von einem Stadion, in dem es glänzt, blinkt und leuchtet und von der Inszenierung eines Fußballspiels, bei dem es zuallererst um die Unterhaltung der Zuschauer gehen würde und nur nebenbei ums Sportliche.

Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall: Von den respektlosen Selfie-Verirrten und der in unserem Bereich schon recht stark vertretenen Schickeria-Fraktion mal abgesehen, war diese Champions-League-Partie im Sehnsuchtsort Camp Nou genau so, wie Fußball eigentlich sein sollte. Im Mittelpunkt stand das Spiel. Wenig Schnickschnack, dezente Beschallung, das traumhafte Stadion als erhabene Kulisse für den sportlichen Wettstreit der 22 Männer auf dem Rasen. Hoch oben ein prall gefüllter Block mit Gästefans, die lautstark ihre Mannschaft unterstützten, während die Barca-Anhänger sich eher auf den so genannten ‘spielbezogenen Support’ konzentrierten. Kurzum: Es war so ganz anders, als ich mir Champions-League-Fußball vorgestellt hatte. Es war großartig.

Dass der FC Barcelona allerdings ein Verein der krassen Gegensätze ist und auch in dieser Hinsicht seinem eigentlich ganz anders gemeinten Motto “Més que un club” mehr als gerecht wird, lernte ich am folgenden Tag. Bei der Touri-Tour durch das Stadion nebst Besuch des Vereinsmuseums und des obligatorischen Merchandise-Shops am Ende der Runde offenbarte sich nichts weniger als die hässliche, kommerzielle Fratze dieses sportlich so erfolgreichen wie berühmten Weltvereins. Alles, was groß genug war, um mit einem Barca-Logo bedruckt zu werden, konnte man käuflich erwerben, für einen dreistelligen Betrag konnte man sich mit einem Neymar-Trikot ausstatten und sogar für die Erinnerungsmünze zum Selbstprägen wurde man, so man denn wollte, mit 4 Euro zur Kasse gebeten.

“Was wohl Hans Gamper zu diesem ganzen Treiben hier sagen würde?” war nun der Gedanke, der sich in meinem Kopf einnistete, während ich mir die Devotionalien aus über 100 Jahren Vereinsgeschichte in den Museumsvitrinen anschaute. Der Schweizer war es nämlich, der im Jahr 1899 via Zeitungsannonce (!) Mitstreiter zur Gründung eines Fußballclubs in Barcelona suchte, der auch ausländische Spieler aufnehmen würde. Und weil sich tatsächlich Menschen meldeten, kam es am 29.11.1899 zur Gründung des “Football Club Barcelona”, dem sich vornehmlich nicht-spanische und protestantische Spieler anschlossen.

Der neu gegründete Verein war im Prinzip aus dem Stand erfolgreich, belegte in der 1900 das erste Mal ausgespielten katalanischen Meisterschaft Rang zwei und gewann den Wettbewerb ein Jahr später. 1902 stand man im Finale des spanischen Pokals, unterlag aber einem Team aus Bilbao mit 1:2. Ohne die komplette Geschichte des Vereins hier aufrollen zu wollen (sehr gut nachzulesen in diesem Wikipedia-Beitrag), lässt sich wohl ohne große Kontroversen festhalten, dass der 29.11.1899 die Geburtsstunde eines Clubs darstellte, der den Weltfußball nachhaltig geprägt hat und weiterhin prägt. Was auf der sportlichen Bühne gilt, gilt im gesellschaftlichen Bereich gleichermaßen. Gemäß des bereits erwähnten Vereinsmottos “Més que un club” versteht sich der FC Barcelona explizit als katalanischer Verein mit sozialer Verantwortung für die Stadt Barcelona und die Region Katalonien, engagiert sich aber auch deutlich über den lokalen Kontext hinaus in zahlreichen Projekten. Oder um es mit den Worten des ehemaligen Barca-Präsidenten Joan Laporta zu sagen: “Wir sind mehr als ein Klub …, weil man uns mit Demokratie und der Verteidigung der Menschenrechte verbindet.“

Oder eben mit 222 Millionen Euro, die Paris St. Germain in der Saison 2017/2018 für Neymar zahlte, was uns wieder an den Anfang dieser kursorischen Erinnerungen hier führt. Bäume riss der junge Mann, damals noch im Barca-Trikot, an jenem Champions-League-Abend im September 2014 nämlich keine aus, was allerdings für seine Mitspieler in gleichem Maße galt. Zu einem 1:0-Erfolg gegen aufopferungsvoll kämpfende Zyprioten in einem weitestgehend glanzlosen Spiel reichte es trotzdem, und für 100 Euro pro Kopf hatten wir an jenem Abend, ohne das damals schon wissen zu können, den späteren Sieger des Wettbewerbs live erleben dürfen. In Erinnerung bleiben vor allem Widersprüche – zwischen einem demütigen Club, der stolz auf und dankbar für seine Geschichte ist, der das Spiel zu schätzen weiß und auch auf der größtmöglichen europäischen Bühne ohne großen Firlefanz auskommt, der aber gleichzeitig auch ein bis in die letzte Faser durchkommerzialisiertes Wirtschaftsunternehmen ist, das sich dennoch regelmäßig seiner sozialen Verantwortung stellt. “Més que un club” eben – nur sicherlich ganz anders, als Hans Gamper sich das anno 1899 vorgestellt hatte.

Weiterlesen:

„Nikosia statt Nordhausen“ (nurderfcm.de)

Geburtstage in der Woche vom 27. November bis 3. Dezember

  • 27.11.: Sercan Sararer (1989)
  • 28.11.: Tin Jedvaj (1995)
  • 29.11.: Sandro Wagner (1987)
  • 30.11.: Nigel de Jong (1984)
  • 01.12.: Charlie Körbel (1954)
  • 02.12.: Matteo Darmian (1989)
  • 03.12.: Christian Benteke (1990)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Partie Borussia Dortmund gegen Real Zaragoza vom 24.11.1992. Dortmund gewann das Achtelfinal-Rückspiel im UEFA-Cup mit 3:1. Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

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