25.11. England – Ungarn 1953: Als die Welt Kopf stand

Es gibt Spiele, die auch viele Jahre später und Jahrzehnte nochimmer nachwirken. So auch das Spiel England gegen Ungarn am 25. November 1953 im alten Wembley-Stadion. Es ging darum, wer die beste Mannschaft sei, darum, wer das bessere Gesellschaftssystem hat und auch einfach nur um ein Fußballspiel.

von Christoph Wagner (120minuten)
Woche vom 20. November 2017 – 26. November 2017

Knapp zwanzig Jahre nach dem mit Italien der amtierende Weltmeister in Highbury mit 3-2 niedergerungen wurde, kam 1953 mit Ungarn die nächsten Titelträger nach England zu einem Kräftemessen. Ungarn hatte 1952 das olympische Fußballturnier für sich entscheiden können und war seit Mai 1950 in 24 Spielen ungeschlagen. England dagegen musste 1949 die erste Heimniederlage gegen eine Gastmannschaft hinnehmen, als im September Irland 2-0 gegen England siegte. Der Heimnimbus war also schon verloren im November 1953. Hinzu kam das peinliche Scheitern während der WM 1950 in Brasilien als eine zusammengewürfelte US-Mannschaft mit 1-0 gegen Matthews, Finney und Co. die Oberhand behalten sollte. England hielt dennoch am Gedanken fest, als Erfinder des modernen Spiels auch Lehrer für andere sein zu müssen, qua historischer Leistung. Jedoch hielt man davon auf dem europäischen Festland wenig und die Ergebnisse gaben Österreich, Italien und Ungarn Recht.

Es stand also nicht gut um den englischen Fußball und dennoch waren die Reporter und Kommentatoren guten Mutes vor dem Anpfiff gegen Ungarn. Obschon Ungarns Qualität anerkannt wurde, waren die englischen Schreiber doch optimistisch, dass ihre Mannschaft gewinnen würde. Archie Ledbrooke vom Daily Despatch schrieb am Tag des Spiels, dass die Ungarn zweifelsohne ein sehr gutes kontinentales Team seien, körperlich fit aber England hätte ebenfalls eine sehr gute Mannschaft. Es würde Gegentore geben doch er „zweifle, dass sie [England] verlieren werden.“

England gegen Ungarn war aber auch ein Spiel der politischen Systeme im Kalten Krieg. Ungarn, trotz gravierender Nachwirkungen des Krieges, legte großen Wert auf eine starke Fußballnationalmannschaft. Die Spitzenspieler waren entweder bei Honved oder MTK unter Vertrag. Damit war gewährleistet, dass alle Spieler regelmäßig miteinander spielen konnten, was der ungarischen Spielidee zu Grunde lag. Der Konflikt der Systeme äußerte sich in den Fußballberichten der englischen Presse in Form von Peter Wilson, der im Daily Mirror schrieb:

„Ich hoffe wirklich sehr, dass wir gewinnen. Denn ich habe Ungarn besucht und ich weiß, dass sie – wie andere totalitäre Staaten auch – Sport und sportliche Erfolge als Bestätigung für ihr System ansehen.“

Es kam anders, wie so oft. Vor dem Anpfiff scherzte Englands Kapitän Billy Wright zu Stanley Matthews: „Das sollte für uns zu schaffen sein Stan, die haben noch nicht einmal eine richtige Ausrüstung.“ Es war diese Hochnäsigkeit, die England teuer zu stehen kam denn 90 Minuten später war nichts mehr wie es war, stand die Welt Kopf.

Das Spiel

Tom Finney, einer der besten Fußballer, die England hervorgebracht hatte, war im Stadion und sah wie Ungarn die Heimmannschaft auseinandernahm mit hervorragender Technik, taktischer Flexibilität und einem nie zuvor gesehenen Passspiel. Er sagte: „Ich fragte mich, was wir all die Jahre gemacht haben.“

Das Spiel lieferte genug Stoff für Diskussionen ob Englands Status als Fußballnation und ebenso wunderbare Zitate, wie jenes des Reporters der Times, Geoffrey Green. Es beschreibt die Szene als Ferenc Puskas den Ball mit der Sohle zurückzieht – heute ein gängiger Trick, damals in England vollkommen unbekannt – und somit Billy Wright ins Leere laufen lässt. Green schrieb über Wright als

„a fire engine rushing to the wrong fire“.

Puskas hatte somit freie Bahn um ungestört zum 3-1 zu treffen. Nur sieben Minuten später lenkte er den Ball ins Tor zum 4-2. Nach der Pause erhöhten Hidegkuti mit seinem dritten Tor und Boszik zum 6-2 und nach einer Stunde machte Alf Ramsey per Elfmeter das 6-3. Das Ergebnis war eindeutig: England war bei Weitem nicht so gut wie sie selbst von sich behaupteten und hatten von Ungarn eine Lehrstunde erhalten.

Das Nachspiel

Nach dem Spiel musste auch dem letzten klar geworden sein, dass England eben nicht mehr Weltklasse waren, sondern gehörig Rückstand hatten im Vergleich zu Mannschaften aus Zentraleuropa. Das Spiel war das erste in einer Reihe weiterer Spiele, die Anfang und Mitte der 1950er Jahre zwischen britischen und ungarischen Mannschaften stattfanden. Im Rückspiel im Mai 1954 in Budapest kam es noch schlimmer als Ungarn 7-1 gewann. Etwas mehr als ein halbes Jahr später, im Dezember 1954 unterlag Schottland mit 4-2 und nur wenige Tage danach schaffte es der englische Meister Wolverhampton Wanderers Honved zu schlagen. Das Spiel vom November 1953 ist wohl eine der berühmtesten Niederlagen Englands und steht mithin für das wachsende Bewusstsein in England, dass andere Mannschaften auch spielen können. Obwohl die Football Association und der englische Fußball lange ihren Prinzipien treu blieben, dass man mit körperlicher Härte etwas gewinnen kann, kann man nicht sagen, dass die 1950er Jahre als verlorenes Jahrzehnt zu betrachten sind, bzw. dass Fußball als Gradmesser für die Lage der Nation steht. Jedoch war und ist dies nicht der Fall. Was wohl zur gefühlten Schwere beitrug war der Gegner über dem ein Hauch des Unbekannten lag, welcher aber damit erklärt ist, dass der englische Fußball sehr isoliert war zu dieser Zeit. Die englische Liga und der Pokal waren die Epizentren des englischen Fußballs, alles andere war suspekt und wurde als nicht einmal halb so gut betrachtet. Leider hielt dieses Denken noch lange an, bzw. wirkte lange nach und auch der Sieg bei der Weltmeisterschaft 1966 konnte dies nicht ändern.

Weiterlesen

Jonathan Wilson, The Anatomy of England: A History in Ten Matches (London: Orion Books, 2010)
Ders., Inverting the Pyramid: The History of Football Tactics (London: Orion Books, 2009)
Kowalski, Ronald; Porter, Dilwyn, England’s World Turned Upside Down? Magical Magyars and British Football, Sport in History, Vol. 23, issue 2, 2003, pp. 27-46.
An Old International, England 3 – Hungary 6, 2013

Geburtstage in der Woche vom 6. bis 12. November

  • 20.11.: Dusan Tadic (1988)
  • 21.11.: Diego Demme (1991)
  • 22.11.: Chris Smalling (1989)
  • 23.11.: Reiner Calmund (1948)
  • 24.11.: Nabil Bentaleb (1994)
  • 25.11.: Nikola Maksimovic (1991)
  • 26.11.: Danny Welbeck (1990)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung der Vorwoche: Gesucht war die Partie zwischen Rot Weiß Erfurt und dem FC Saarbrücken vom 16. November 1991. Dabei waren die Gäste aus dem Saarland mit 6-1 erfolgreich; ein gewisser Michael Preetz traf doppelt. In den Reihen der Erfurter fand sich mit Thomas Linke ein späterer Champions League Gewinner und Vizeweltmeister. Auf der Bank Saß Jonathan Akpoborie. Wir bedanken uns für die Rückmeldungen und entschuldigen uns für die kleine technische Panne bei der Darstellung des Rätsels.

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