14.11. The Battle of Highbury: England vs. Italien, 1934

England, das Mutterland des modernen Fußballs und beste Mannschaft der Welt ob der historischen Leistung des in die Welt bringens des Spiels, empfing im November 1934 den amtierenden Weltmeister nach FIFA-Statut, Italien zu einem Freundschaftsspiel in Highbury, London. Es wurde ein ganz besonderes Spiel.

von Christoph Wagner (120minuten)
Woche vom 13. November 2017 – 19. November 2017

Die Spielansetzung England gegen Italien ist eine reizvolle und eine geschichtsträchtige. Als nichts anderes als „das wahre Finale der Weltmeisterschaft“ wurde 1934 das Freundschaftsspiel zwischen beiden Mannschaften von der englischen Presse tituliert. Italien hatte zuvor im Sommer erstmals die Welttrophäe gewonnen; 2-1 hieß es im Finale von Rom gegen die Tschechoslowakei. Sehr zur Freude von Benito Mussolini, der diesen Sieg als „Triumph des Faschismus“ bezeichnete. Er ging noch einen Schritt weiter, als er sagte, dass ein guter Kick gute Politik sei. Wie sehr er Recht behalten sollte, konnte vor dem Spiel keiner ahnen und wollte nach Abpfiff auch niemand so recht glauben. Zu dieser Zeit war England nicht einmal Mitglied im Weltverband FIFA. Grund war der Streit um den Status von Amateuren und Profis durch den englischen Verband und natürlich die Annahme, dass das englische Spiel überlegen war. Selbstverständlich bedurfte es dazu keines Vergleiches, denn allein die englische Liga wurde von der Football Association als schwierig genug angesehen, dass es keiner weiteren Nachweise bedurfte. Dabei war bereits zu diesem Zeitpunkt vielen Kennern und Beobachtern außerhalb Englands klar, dass die Europäer einen guten Ball spielen konnten und mit England mithalten konnten. So konnte Spanien im Mai 1929 die Engländer mit 4-3 schlagen. Der Taktikhistoriker Jonathan Wilson schrieb in seinem Standardwerk Inverting the Pyramide, dass England wohl nie so schlecht waren wie eben 1929. Es war eine Warnung, führt er aus. Die Ausreden für die Niederlage in Madrid waren sehr einfallsreich, um das Ergebnis schön zu reden: es war das dritte Spiel in acht Tagen (England hatte vorher gegen Belgien und Frankreich gespielt) und die Hitze machte England Probleme. Zudem war der Trainer der Spanier ein ehemaliger Spieler aus Middlesbrough: Fred Pentland, somit war Spanien keine „echte“ ausländische Mannschaft. Ein Jahr später war es die deutsche Mannschaft, welche England in Berlin an den Rand einer Niederlage brachte. Es waren drei Tore des Dresdners Richard Hoffmann, die England nervös machten und erst sieben Minuten vor Ende des Spiels kamen sie zum Ausgleich. Und obwohl auch das Wunderteam von Österreich 1932 geschlagen wurde war klar, dass Englands Fußball dem kontinentalen Spiel hinterherhinkte, allen Beschwörungen der Engländer zum Trotz.

Unter diesen Bedingungen kam Italien, der frisch gekürte Weltmeister, im November 1934 nach London zu Testspielzwecken. England schickte eine sehr unerfahrene Mannschaft ins Spiel: kein Spieler hatte mehr als zehn Spiele im Nationaldress, darunter auch ein junger Stanley Matthews, der sein zweites Spiel für England absolvieren sollte. Zudem stellte Arsenal sieben Spieler, bis heute ein Rekord. Die Presseberichte sind eindeutig: Es war ein hartes Spiel, indem sich beide Seiten nichts schenkten und insbesondere Italien für die harte Gangart gerügt wurde. Der Guardian berichtete von einem „ungewöhnlich robusten Fußball“ und einige englische Spieler konnten dies mit Blessuren untermalen: der Kapitän Hapgood hatte eine gebrochene Nase, Brook musste den linken Arm sicherheitshalber röntgen lassen, Bowden hatte einen verletzten Knöchel und Drake eine schwere Beinverletzung. Einer der Spieler wird zitiert:

„Das war kein Spiel, das war eine Schlacht.“

England startete furios: drei Tore in den ersten fünfzehn Minuten ließen ein Spektakel erwarten. Dazu kam ein vergebener Elfmeter in der ersten Minute durch Eric Brook. Jedoch, es kam anders. Italien demonstrierte, warum sie Weltmeister waren mit schnellen Kombinationen, bei denen es dem Torhüter Englands zu verdanken war, dass die Heimmannschaft zur Pause noch in Führung lag. Sie zeigten aber auch eine andere Seite; mit anderen Worten „Die Besucher hatten sehr eigene Ideen was ein reguläres Tackle ist“, wird beispielsweise der Guardian zitiert. Eric Brook ließ sich provozieren und hob die Faust gegen einen Gegenspieler, beließ es aber bei der Drohung. Was war der Auslöser? Einen konkreten Anhaltspunkt gab der damalige italienische Nationaltrainer, Vittorio Pozzo als er sagte, dass Luis Monti nach einer Viertelstunde mit einem gebrochenen Fuß vom Platz musste und seine Spieler fälschlicherweise annahmen, ein Gegenspieler sei Schuld gewesen. Pozzo sagte aber, dass Monti bei einer schnellen Drehung mit dem Fuß im Rasen hängenblieb und sich so verletzte. Die Spieler jedoch sahen in Drake den Übeltäter und waren auf Genugtuung aus. Eddie Hapgood beschrieb das Spiel als „das dreckigste Spiel, in dem ich mitgespielt habe.“ Als Konsequenz aus diesem ereignisreichen Spiel forderten einige englische Journalisten, auf Spiele gegen kontinentale Gegner in Zukunft zu verzichten. Diese Forderungen hielten jedoch nicht lange an. Eine Erklärung für die überzogene Härte der Italiener lag im Unwissen ob der sogenannten und viel gerühmten englischen Härte, so der Schiedsrichter Olssen. In einem Interview mit dem Daily Mirror wenige Tage nach dem Spiel gab er zu Protokoll, dass die italienische Spielidee eine andere sei als die englische, sprich die physische Komponente war ihnen vollkommen unbekannt. Aus heutiger Sicht eine eher dünne Erklärung, damals aber durchaus nachvollziehbar, gab es doch noch keinen so regen Informationsfluss über Spieler und Taktik, bzw. gab es keine Spielertransfers, die einen Ideenaustausch ermöglichten.

Die später so betitelte „Schlacht von Highbury“ endete 3-2 für England. Die Gastgeber machten drei schnelle Tore in der ersten Halbzeit und brachten den Vorsprung über die Zeit und waren vom Glück bedient, dass die Gäste eben nicht zum Ausgleich kamen, obwohl Meazza die Chance dazu gehabt hatte.

Das Spiel war eine Kampfansage an die englische Annahme, dass der heimische Fußball dem des Kontinents überlegen war. In Italien wurde die Mannschaft daheim als Lions of Highbury gefeiert. Sie hatten 88 Minuten in Unterzahl gespielt und wären durch Meazza beinah zum Ausgleich gekommen. Die Warnungen für England wurden in den Wind geschlagen und erst 1950 bzw. 1953 wurde das Thema der englischen Überlegenheit erneut diskutiert. Als es keine Ausreden mehr gab.

Geburtstage in der Woche vom 13. November bis 19. November

  • 13.11.: Lucas Barrios (1984)
  • 14.11.: Roman Bürki (1990)
  • 15.11.: Paulo Dybala (1993)
  • 16.11.: Arie Haan (1948)
  • 17.11.: Nani (1986)
  • 18.11.: Marc Schnatterer (1985)
  • 19.11.: Viktor Skripnik (1969)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Auflösung der Vorwoche: Gesucht war die Partie zwischen Juventus Turin und Austria Wien vom 7. November 1990 im Hinspiel in der zweiten Runde im Pokal der Pokalsieger. Die Wiener Austria kam dabei ganz schön unter die Räder und wurde mit 4-0 besiegt. Roberto Baggio erzielte drei Tore. Neben Baggio spielten im Dress der Alten Dame auch Koryphäen wie Häßler, Schilaci und Di Canio, während die Namen Franz Wohlfahrt, Peter Stöger und Ralph Hasenhüttl auf Seiten der Austria den meisten ein Begriff sein dürften. Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

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