09.11. – Die Monster von Lens

Am 9. November 1999 verurteilt das Landgericht Essen vier deutsche Hooligans zu mehrjährigen Haftstrafen. Sie waren beteiligt, als während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 der französische Polizist Daniel Nivel ins Koma geprügelt wurde. Der Prozess ist Teil der schmerzhaften Aufarbeitung einer schockierenden Tat.

Von Ralf Lieschke
Woche vom 6. November bis 12. November

An die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich hat man in Deutschland nicht die besten Erinnerungen. Das liegt nicht in erster Linie an altmodischem Fußball (daran war man zu jener Zeit gewohnt), dem Viertelfinalaus gegen Kroatien oder dem Anfang vom Ende der Ära Berti Vogts. Vielmehr war es ein Ereignis neben dem Platz, das nicht nur die spezifisch deutsche Rückschau auf dieses Turnier prägt.

Das Vorrundenspiel Deutschland – Jugoslawien fand am 21. Juni 1998 in Lens statt. Anlässlich der Partie hatten sich auch zahlreiche Hooligans aus Deutschland auf die nicht allzu weite Reise in die nordfranzösische Stadt gemacht. Nicht alle von ihnen konnten oder wollten sich Eintrittskarten besorgen und so kam es bereits während des Spiels am frühen Nachmittag zu ersten Auseinandersetzungen außerhalb des Stadions, in deren Folge auch die Polizei zum Einsatz kam.

Als eine Gruppe von etwa 30 Hooligans in der Rue Romuald Pruvost, einer kleinen Gasse nahe des Bahnhofs, auf drei Polizisten, darunter Nivel, traf, eskalierte die Situation. Zu siebt gingen die Schläger zum Angriff über, brachten Nivel zu Boden, dem im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen die Flucht nicht mehr gelang. Was folgte, war ein Gewaltexzess, den der Richter am Essener Landgericht später mit dem Satz „Die Angeklagten sind keine Monster, aber sie haben sich verhalten wie Monster“ zusammenfassen sollte. Nicht nur mit Schlägen und Tritten, sondern auch mit einem Werbeschild und Teilen von Nivels Waffe richteten die Angreifer ihr Opfer so übel zu, dass sie ihn bereits nach wenigen Minuten für tot hielten. Mit schwersten Kopfverletzungen kam Nivel ins Krankenhaus, lag in der Folge sechs Wochen im Koma. Die Spätfolgen der „Schande von Lens“, wie die Attacke schnell genannt wurde, begleiten ihn, der nicht nur Arbeit und Gesundheit, sondern – wie seine Frau es beschrieb – auch seine Freiheit verlor, freilich bis heute.

Landgericht Essen

Einem der Täter, der noch in der Nähe des Tatortes festgenommen wird, wird in Frankreich der Prozess gemacht. Das Urteil zu einer vierjährigen Haftstrafe, das gegen den mutmaßlich ersten Angreifer aus der Rue Romuald Pruvost im Jahr 2001 gesprochen wird, ist allerdings nicht das erste, das im Fall Nivel fällt. Am 9. November 1999 verurteilt das Landgericht Essen drei an der Tat beteiligte Schläger wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und sechs Jahren. Ein weiterer, der mit Nivels Gewehraufsatz auf den am Boden liegenden Gendarmen einprügelte, wird des versuchten Mordes für schuldig befunden und muss zehn Jahre hinter Gitter. Ein weiterer Mittäter wird 2003 verurteilt.

Dass das Landgericht Essen den vier Angeklagten ihre Schuld nachweisen konnte, ist auch Verdienst des damaligen Leiters der Fanbetreuung des FC Schalke 04. Durch seine engen Kontakte zur Szene war er einer der wenigen, die als Zeuge zur Aufklärung des Tatherganges beitragen konnten. Die nicht unspannende Geschichte hinter dieser Zeugenaussage hat Tibor Meingast für den Spiegel in einer lesenswerten Reportage in vier Teilen aufgeschrieben.

Die Täter von einst haben ihre Strafen längst abgesessen. Einige von ihnen haben es geschafft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Andere rutschten trotz aller guten Vorsätze wieder in die Hooligan-Szene oder auch in die organisierte Kriminalität ab.

Daniel Nivel wiederum lebt bis heute mit den Folgen der Ereignisse vom 21. Juni 1998. Neben der Unterstützung seiner Familie und Kollegen konnte er nach der Tat auch auf eine breite Spendenbereitschaft aus Deutschland zählen. Auch der DFB pflegt einen engen Kontakt zu Nivel, der mehrfach zu Länderspielen der deutschen Nationalelf reiste und Namensgeber einer nach ihm benannten Stiftung wurde, die sich der Erforschung und Bekämpfung fußballorientierter Gewalt widmet.

Weiterlesen:

Geburtstage in der Woche vom 6. bis 12. November

  • 06.11.: André Schürrle (1990)
  • 07.11.: Rio Ferdinand (1978)
  • 08.11.: Aaron Hughes (1979)
  • 09.11.: Herbert Wimmer (1944)
  • 10.11.: Takuma Asano (1994)
  • 11.11.: Maximilian Schulze Niehues (1988)
  • 12.11.: Thomas Berthold (1964)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Wer gegen Wen?

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Partie FC Porto – Rosenborg Trondheim aus der Champions-League-Saison 2001/02. Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

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