01.11. – Radio-Revolution

Am 01.11.1925 revolutionierte Bernhard Ernst aus Münster die Fußballberichterstattung. Über die erste Live-Übertragung eines Fußballspiels im deutschen Hörfunk.


von Alex Schnarr (120minuten)
Woche vom 30. Oktober – 05. November

Sky, DAZN, Eurosport, die Bundesliga-Konferenz im Radio, smarte Lautsprecher, die einem vom Spielgeschehen beim eigenen Verein erzählen – die Möglichkeiten, sich live darüber zu informieren, was auf den Plätzen der Republik gerade so passiert, ohne notwendigerweise vor Ort sein zu müssen, sind heutzutage mindestens so breit gestreut wie die Anstoßzeiten in der Bundesliga. Überhaupt nicht mehr vorstellbar eigentlich, dass es mal eine Zeit gegeben hat, in der “live” eben tatsächlich nur und ausschließlich im Stadion war und die Zeitungsberichte am nächsten Tag die einzige andere Informationsquelle hinsichtlich der Geschehnisse am Spieltag darstellten.

In eben jener Zeit wuchs Bernhard Ernst im westfälischen Münster auf. Geboren am 8. Juli 1899, promovierte er 1922 an der dortigen Universität zum Thema “Sportpresse und Sportberichterstattung mit besonderer Berücksichtigung Westdeutschlands” und sorgte drei Jahre später für nichts weniger als eine Revolution: für die erste Live-Übertragung eines Fußballspiels im Hörfunk nämlich. Dass es sich dabei um die Partie des SC Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld handelte, war eher Zufall und hatte mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Im von alliierten Truppen besetzten Rheinland sowie im Ruhrgebiet durften keine Rundfunkanlagen betrieben werden. Wohl aber Münster, wo die Westdeutsche Funkstunde AG seit Oktober 1924 sendete. Für die besagte Begegnung am 01.11.1925 hatte sich deren Mitarbeiter Bernhard Ernst also vorgenommen, erstmals live aus dem Stadion zu berichten.

Die technische Infrastruktur für derlei Unterfangen war seinerzeit selbstverständlich eine völlig andere als heute. Man könnte auch sagen: sie war nicht vorhanden. Deshalb ließ Ernst Kabel aus dem Stadion direkt ins Funkhaus verlegen, hatte im Vorfeld der Partie einen Probelauf durchgeführt und am Spieltag selbst schließlich eine eher abenteuerliche Konstruktion hinter einem der Tore platziert: Das für die Übertragung vorgesehene Mikrofon, das schwingungsfrei befestigt sein musste, um Knack-Geräusche möglichst zu minimieren, befand sich in einem mit Maschendraht geschützten Eishockeytor. Dahinter wiederum stand pünktlich zum Anpfiff Bernhard Ernst, sicher ein wenig angespannt und mit den richtigen Worten für diesen historischen Moment im Hinterkopf.

Als der Ball um 14:30 Uhr schließlich rollte, hörte der geneigte Fußballanhänger am Radio allerdings zunächst erst einmal: nichts, außer einem veritablen Grundrauschen. Ein übereifriger Postbeamter hatte es gut gemeint und mit der Kabelei im Stadion nichts anfangen können. Kurzerhand “korrigierte” er die vermeintliche Fehlschaltung und machte damit mal eben die sorgfältig vorbereitete Liveschalte zunichte. Ein ordentlicher Radio-Revolutionär lässt sich von solcherlei Kleinigkeiten natürlich nicht aus der Ruhe bringen. Kurzerhand wurde der Kommentar über eine einfache Telefonleitung übertragen und fand so doch noch mit einer kurzen Verzögerung seinen Weg ins Radio: „Also begann ich mit einiger Verspätung, dazu mit einem sehr merkwürdigen Gefühl und mit aus technischen Gründen gebotener, ungewohnter Stimmstärke meinen ersten Fußballbericht“, erinnerte sich Bernhard Ernst später.

Auch wenn die Reichweite der Übertragung seinerzeit eher beschränkt war, hatte Ernst mit seiner Pionierarbeit im sprichwörtlichen Sinne eine Lawine ins Rollen gebracht:

“Die Rundfunkübertragung schlug ein wie eine Bombe. Die Zahl der Hörer des neuen Mediums explodierte in diesen Jahren. Nur 10.000 waren es im Jahre 1924. Als im Juni 1926 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen der Spielvereinigung Fürth und Hertha BSC Berlin (4:1) übertragen wurde, schätzte man die Zahl der Fußballverrückten, die zu Hause am Rundfunkgerät live mit dabei waren, bereits auf etwa 400.000. Ende 1926 hatte das neue Medium gar 780.000 Anhänger erreicht.” (Spiegel Online)

Übrigens: Auch das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern wurde von Bernhard Ernst kommentiert – allerdings für das Fernsehen. Dass heute alle Welt nur noch das legendäre “Tor, Tor, Tor, Tor – das Spiel ist aus, das Spiel ist aus, aus!” des Radio-Reporters Herbert Zimmermann kennt, hat einen ganz einfachen Grund: 1954 gab es deutlich mehr Radio- als Fernsehgeräte und Ernsts TV-Kommentar konnte aus technischen Gründen damals nicht aufgezeichnet werden. Ironie des Schicksals: Die Bewegtbilder des ersten deutschen WM-Sieges wurden später trotzdem noch vertont – ausgerechnet aber mit dem erhalten gebliebenen Radiokommentar, weshalb eben nicht Ernsts, sondern Zimmermanns Stimme ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist.

Weiterlesen

„Von der Fußlümmelei zum Massenphänomen“ (Benjamin Brumm | 120minuten)
„Adrenalin muss hörbar werden. Kleine Geschichte der Live-Reportage“ (Mike Herbstreuth | Deutschlandfunk Kultur)
„Der Mann, der den Fußball-Funk brachte“ (Andreas Wittner | Spiegel Online)

Geburtstage in der Woche vom 30. Oktober bis 05. November

  • 30.10.: Ragnar Klavan (1985)
  • 31.10.: Marcus Rashford (1997)
  • 01.11.: Filip Kostic (1992)
  • 02.11.: Lucien Favre (1957)
  • 03.11.: Willi Orban (1992)
  • 04.11.: Enner Valencia (1989)
  • 05.11.: Kasper Schmeichel (1986)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Partie AS Rom gegen Wrexham FC (2:0) vom 24.10.1984; wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis:

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