21.08. – Die DFB-Elf in heikler Mission

Der 21. August 1955 war ein Sonntag und es war heiß. Zumindest in Moskau. Sowohl bei den Temperaturen als auch politisch. Zehn Jahre nach Kriegsende traf die bundesdeutsche Nationalmannschaft auf die Auswahl der UdSSR.


Gastbeitrag von Matthias Kneifl (Kickschuh-Blog)
Woche vom 21. August – 27. August

Wer jetzt erst einmal mit den Schultern zuckt, dem sei ein wenig auf die Sprünge geholfen, um die Tragweite der Partie zu erfassen. Bis Ende 1954 hatte sich der Länderspielverkehr des DFB insofern normalisiert, dass er wieder von Verbänden ehemaliger Kriegsgegner eingeladen wurde. Zumindest solange sie aus dem westlichen Teil Europas kamen. Ein Freundschaftsspiel gegen Nationalteams aus dem Ostblock blieb Zukunftsmusik. Es gab zwar auf Vereinsebene Vergleiche mit ostdeutschen Mannschaften, dabei kam es allerdings – sehr zum Ärger des Deutschen Fußball-Bundes – immer wieder zu politischer Agitation. Ein Zustand, den auch der Deutsche Sportbund und die Regierungsstellen in Bonn anprangerten, den sie aber letztlich in Kauf nehmen mussten. Waren also die Sportbeziehungen zwischen West- und Ostdeutschland schon belastet, so beschäftigten ab Ende 1954 auch vereinzelt einsetzende Sportvergleiche mit sowjetischen Sportlern die Bundesregierung. Sie wollte darauf hinwirken, dass es lediglich zu Wettkämpfen bei internationalen Meisterschaften kommen solle. Freundschaftsspiele gegen Vertreter des politischen Sports, wie sie der Ostblock in den Augen Bonns darstellte, waren zu vermeiden. Das für den Sport zuständige Innenministerium war sich gleichwohl bewusst, dass es nicht offen opponieren konnte, wollte sie den bundesdeutschen Sport nicht selbst dem Verdacht aussetzen, unter politischer Einflussnahme zu stehen.

Obwohl man sich also bei den Sportverbänden und in Bonn bereits mit sportlichen Wettkämpfen gegen osteuropäische Sportler befasste, erschien eine Länderspieleinladung aus Moskau utopisch. Und das lag noch nicht einmal daran, dass sich das Fußballteam der UdSSR fernab der Olympischen Spiele rar gemacht hatte. Vielmehr sprach gegen eine Partie, dass es zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion noch überhaupt kein Verhältnis gab. Nicht nur im Fußball hatten sich beide Seiten bislang nicht angenähert, es gab auch auf zwischenstaatlicher Ebene keinerlei Beziehungen.

Umso größer war der Knalleffekt, als westdeutsche Medien Ende Mai 1955 von einer Einladung der DFB-Elf nach Moskau berichteten. Der DFB erklärte sich zu dem Duell bereit, nicht jedoch, ohne sich mit Bonn abzustimmen, wie Akten der Bundesregierung nahelegen. Antreten würde der DFB gleichwohl nicht, da der vorgeschlagene Termin inmitten der Sommerpause lag. Wenn sich der Fußball-Bund jetzt in Sicherheit wähnte, dann hatte er die Rechnung ohne die Sowjets gemacht. Diese blieben hartnäckig und schlugen postwendend einen neuen Termin im August vor. Der DFB sah sich nun unter Zugzwang gesetzt und sagte nach einer Präsidiumssitzung zu. Die Einwilligung fand dabei offenbar ohne nochmalige Rücksprache mit Bonn statt. Das Innenministerium und auch Bundeskanzler Konrad Adenauer zeigten sich jedenfalls überrascht vom Schritt des DFB. Das belegen interne Dokumente. Was die ganze Situation noch verkomplizierte, war eine inzwischen eingegangene Einladung Adenauers zum Staatsbesuch nach Moskau.

In Bonn schrillten jetzt sämtliche Alarmglocken. Die Regierungsstellen befürchteten, das Spiel werde für sowjetische Propagandazwecke missbraucht werden. Die DFB-Delegation war dementsprechend auf die heikle Mission vorzubereiten. Fehltritte galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Allen voran durch Präsident Peco Bauwens, der nach dem WM-Sieg mit seiner völkischen Wotan-Rede für negative Schlagzeilen gesorgt hatte. Er hatte deshalb vor der Abreise nach Moskau zu einer persönlichen „Instruktionsstunde“ bei Außenminister Dr. Heinrich von Brentano zu erscheinen.

Weitere Aspekte verkomplizierten das Spiel für die Bundesregierung: Sie verfügte über keinerlei Vertretung in Moskau, konnte also den Länderspielbesuch nicht begleiten, wie dies sonst der Fall war. In sowjetischen Lagern saßen zudem noch rund 10.000 deutsche Kriegsgefangene, deren Schicksal ungeklärt war. Darüber hinaus war die Deutschlandfrage ungeklärt, woran der UdSSR die Hauptschuld gegeben wurde. Hinzu kam, dass mit der Vereinbarung der Begegnung zahlreiche Bundesbürger Einladungen zum Länderspiel erhielten, die hauptsächlich von DDR-Stellen ausgesprochen wurden. Der politischen Agitation war damit Tür und Tor geöffnet, weshalb Bonn und der DFB bestrebt waren, von der Annahme der Einladungen abzuraten. Letztlich fuhren aber doch 3.000 Schlachtenbummler aus Ost und West gemeinsam nach Moskau. Zu guter Letzt irritierten Bonn Medienberichte, die sich lobend über die Leistungen des sowjetischen Staatssports äußerten. Die Bundesregierung sah dies gar nicht gern und stellte Gedankenspiele an, wie man westdeutschen Medien die Augen für sowjetische Propaganda öffnen könne.

Die Länderspielreise selbst stieß in West- und Ostdeutschland sowie in der Sowjetunion auf riesige Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung in Funk und Print war immens, der Gesamttenor positiv. Der Besuch wurde als völkerverständigend begriffen. Dabei erschien der Aufenthalt in Moskau einigen Nationalspieler nahezu surreal. Sie selbst oder Familienmitglieder hatten schließlich nur zehn Jahre zuvor gegen die Rote Armee gekämpft. Fritz Walter war gar in Kriegsgefangenschaft geraten. Doch genauso wie das offizielle Rahmenprogramm, so verlief das Spiel selbst – im Übrigen unter den Augen von DDR-Präsident Wilhelm Pieck – ohne Zwischenfälle.

Obwohl das Duell brisant war, waren beide Teams bestrebt, sich zu beweisen. Die Elf der UdSSR wollte zeigen, dass sie den Weltmeister schlagen konnte. Sepp Herberger wollte demonstrieren, dass sein Team nach den enttäuschenden Resultaten des vorangegangenen Jahres wieder in der Lage war, gegen einen unbekannten, aber mutmaßlich starken Gegner zu bestehen. Von Anfang an entspann sich eine abwechslungsreiche Partie. Nachdem die Gastgeber in Führung gingen, drehte das Weltmeisterteam vor und nach der Pause im ausverkauften Dynamo-Stadion durch Tore von Fritz Walter und Hans Schäfer die Begegnung. Während die Auswahl der UdSSR gegen Ende noch zusetzen konnte, verließen die aus der Saisonvorbereitung kommende DFB-Elf allmählich die Kräfte. Ein Doppelschlag brachte die Vorderleute von Lew Jaschin wieder in Front, sodass die politisch aufgeladene Partie mit 3:2 für die Heimmannschaft endete. Letztlich bereitete das harmonische Gastspiel der DFB-Elf Adenauer die Bühne für seinen Staatsbesuch. Das Spiel trug dazu bei, die Bewohner Moskaus und der Sowjetunion auf die sich anbahnenden Kontakte mit dem ehemaligen Kriegsfeind vorzubereiten. Die DFB-Delegation hatte sich auf dem politischen Parkett keinen Fehltritt erlaubt und dabei als guter Botschafter erwiesen.

Weiterlesen

Blecking, Diethelm: Die Rede des Fußball-Bund Präsidenten Peco Bauwens am 6. Juli 1954 im Münchner Löwenbräukeller [PDF, via ssoar.info]

Hoffmann, Eduard: Vor 60 Jahren – Deutsche Fußball-Nationalelf reist nach Moskau (via deutschlandfunkkultur.de)

Geburtstage in der Woche vom 21. August bis 27. August

  • 21.08.: Robert Lewandowski (1988)
  • 22.08.: Mitchell Langerak (1988)
  • 23.08.: Philip Türpitz (1991)
  • 24.08.: Stefan Bell (1991)
  • 25.08.: Naldo (1988)
  • 26.08.: Lars Stindl (1988)
  • 27.08.: Luuk de Jong (1990)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.
Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war das Champions League-Qualifikationsspiel zwischen dem FC Barcelona und Legia Warschau aus dem Jahr 2002; wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

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