25.07. – Zehn Jahre Dritte Fußball-Liga

In diesem Jahr feiert die Dritte Liga ein besonderes Jubiläum: nach der Gründung der Spielklasse im Jahr 2008 geht die Liga in ihre zehnte Saison.
Als damals am 25. Juli im Erfurter Steigerwaldstadion die erste Partie angepfiffen wurde, ahnte wohl kaum jemand, welch eine enorme Erfolgsgeschichte sich in den kommenden Jahren aus dem Projekt entwickeln würde.

von Lennart Birth
Woche vom 24. Juli – 30. Juli

Noch vor einigen Jahren konnte von einer eingleisigen dritten Liga nicht die Rede sein. Bis in das Jahr 2008 folgten auf die 1. und 2. Bundesliga zwei Regionalligen (Nord und Süd), die alle drittklassigen Mannschaften aus der Bundesrepublik beherbergten. Dass dieses System auf Dauer nicht das Optimum darstellte, veranlasste den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu etwas – für diese Institution – schon fast Außergewöhnlichem. Einer Reform. Bereits 2006 diskutierte man in der Verbandszentrale über die Frage einer eingleisigen Dritten Liga. Ziele einer solchen Anpassung, so schrieb die „Berliner Zeitung“, seien eine höhere Leistungsdichte sowie bessere Förder- und Entwicklungsmöglichkeiten für Talente. Auch erhoffte man sich durch die neue Profiliga bessere Vermarktungsmöglichkeiten und eine gesteigerte Attraktivität.

Bis im September 2006 jedoch die finale Entscheidung zu einer Neustrukturierung fallen konnte, musste ein großer Streitpunkt geklärt werden. Zwischen Profivereinen und Amateurclubs entbrannte eine hitzige Debatte darüber, ob und inwieweit zweite Mannschaften (so genannte U23-Teams der Profivereine) an der neu ins Leben gerufenen Liga würden teilnehmen dürfen.
Das erste Teilnehmerfeld setzte sich nach der Kompromissfindung aus Absteigern (2. Bundesliga), vier U23-Mannschaften und Vereinen aus der Nord- und Südstaffel der Regionalliga zusammen.

Das Team aus Erfurt 2008

Die Ehre, den allerersten Spieltag eröffnen zu dürfen, fiel zwei Mannschaften aus den neuen Bundesländern zu. Der FC Rot-Weiß Erfurt sollte im traditionsreichen Steigerwaldstadion die SG Dynamo Dresden empfangen. Gut 12.000 Fans wollten sich das besondere Spiel nicht entgehen lassen – und sahen, wie der Dresdner Halil Savran kurz vor der Halbzeitpause das zu diesem Zeitpunkt überraschende 1:0 für die Gäste aus Sachsen erzielen konnte. Dieses reichte für den knappen Auswärtssieg der SGD.

„Ich kann mich noch sehr gut an das erste Spiel der 3. Liga erinnern. Wir gegen Dynamo Dresden. Den einst oft übermächtigen Oberligakontrahenten. Großartige Stimmung, 12.000 Zuschauer am Steigerwald, Liveübertragung. Spektakulär. Weniger spektakulär: das Spiel selbst. Dass wir es mit 0:1 verloren, tat der Euphorie keinen Abbruch.
Es gab keine Bedenken gegen die 3. Liga. Wiewohl sich die strukturellen Probleme bereits andeuteten: ein schwachbrüstiger TV-Vertrag, deutliche höhere Lizenzanforderungen des DFB; damit einhergehend der sukzessive sportliche Substanzverlust und die schleichende finanzielle Auszehrung von Rot-Weiß Erfurt. Aber: Noch reiten wir den Bullen, währenddessen es so manchen Cowboy abgeworfen hat.“ – RWE-Fan Fedor Freytag

Übrigens: seit diesem ersten Spiel der Saison 2008/2009 ist Erfurt der einzige Verein, der über das volle Jahrzehnt an der 3. Liga teilnahm. Die Thüringer tragen deshalb wohl zu Recht den Titel „Dino“ und führen die ewige Tabelle an.
Auch der erste Torschütze scheint Gefallen an der Liga gefunden zu haben, er kickt noch heute im drittklassigen Profifußball beim VfL Osnabrück.

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Zehn Jahre 3. Liga, das bedeutet viele tolle Spiele und mehr oder minder volle Stadien.
Der besondere Reiz dieses Projektes wird ersichtlich, wenn man das Teilnehmerfeld näher beleuchtet: neben großen Traditionsvereinen erhielten auch talentierte U23-Mannschaften und kleine Vereine aus der Provinz die Möglichkeit, Profifußball zu spielen und von der wachsenden Attraktivität der Liga zu profitieren.
Da wären Eintracht Braunschweig, Arminia Bielefeld, der MSV Duisburg sowie namhafte Ostvereine wie die SG Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder der 1. FC Magdeburg auf der einen Seite. Aber auch unbekannte Mannschaften waren und sind in der dritthöchsten Spielklasse vertreten, so zum Beispiel zwei aktuelle Teilnehmer mit den klangvollen Namen SG Sonnenhof Großaspach und Sportfreunde Lotte.

Imagekampagne des DFB

„Zeigt’s uns“ und „Wer Dritter ist, will Erster werden“ sind zwei Slogans, mit denen der DFB die Dritte Liga erfolgreich bewirbt. In den letzten Jahren sind die Zuschauerzahlen kontinuierlich gestiegen und auch die TV-Vermarktung wurde in den letzten Spielzeiten immer weiter ausgebaut und verbessert. Daran haben insbesondere die dritten Programme der ARD einen erheblichen Anteil. Jedes Wochenende flimmern ausgewählte Spiele in der Zusammenfassung der „Sportschau“ über Millionen Fernseher im ganzen Bundesgebiet. Kombiniert mit zahlreichen TV-Spielen, Livestreams und Konferenzen haben der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und andere regionale Fernsehsender eine hochprofessionelle und multimediale Berichterstattung über den Ligafußball etabliert und so das Geschehen auf den Plätzen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Informationsportale wie liga3online, die lokale Tagespresse oder auch die hauseigene Website des Fußball-Bundes erweitern das Angebot zusätzlich. Zahlreiche privat betriebene Blogs und Podcasts befassen sich inzwischen intensiv mit dem Ligabetrieb.

Der wachsende Zuspruch von Zuschauern hat 2017 nun auch einen Entertain-Riesen auf den Plan gerufen. Die Deutsche Telekom sicherte sich erfolgreich die Übertragungsrechte ab der Spielzeit 2018/2019, überträgt allerdings schon in den kommenden Monaten alle Spiele der neuen Saison. Erstmals werden somit sämtliche Matches live gezeigt, was jedoch auch bedeuten könnte, dass die 3. Liga nach und nach aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen verschwindet. In den kommenden Jahren müssen die dritten Programme die umfangreichen Übertragungen nach und nach zurückfahren.
Die neu geschaffene Bezahlschranke wird wohl einigen Fans Bauchschmerzen bereiten, auch stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, verhältnismäßig unattraktive Partien live zu übertragen. Es bleibt also abzuwarten, wie sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Telekom künftig entwickeln wird.
Beim Bonner Telekommunikationsunternehmen hat man derweil spürbar hohe Erwartungen an das neue Format.

„Die 3. Liga passt perfekt in unser erstklassiges Sportangebot. Wir wollten neue Wege gehen und haben zunächst einen Trend gegen die Monokultur des Fußballs gesetzt. […] Support your local club. Das wollen wir bedienen, mit einem Angebot, das es bisher noch nicht gab.“
– Henning Stiegenroth, Leiter Sportmarketing bei der Telekom, gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“

Und auch der DFB weiß, was er an der Dritten Liga hat, bildet sie schließlich zusammen mit dem DFB-Pokal den größten Wirkungsbereich des Verbandes, der an den Bundesligen bekanntlich keinen Anteil mehr hat. Dementsprechend positiv äußert sich auch DFB-Vize Frymuth im Interview:

„Die 3. Liga steht für eine Vielzahl an ambitionierten Klubs, für Tradition, Spannung, eine enorme Leistungsdichte, tolle Fans und nicht zuletzt für sportliche Qualität.“

Dennoch, so muss man leider konstatieren, läuft auch in der Dritten Liga lange nicht alles rund.
Viele Vereine klagen über die große Kluft zwischen 2. Bundesliga und der eigenen Klasse. Schaut man nur auf die Fernsehgelder, die im Unterhaus in Millionenhöhe liegen und in der Dritten Liga „nur“ im oberen sechsstelligen Bereich, so wird deutlich, dass der Liga noch ein langer Weg bevor steht.
Nicht wenige Clubführungen sehen deshalb auch auf Dauer eine Kosten- und Schuldenfalle; das Gespenst Insolvenz ereilt immer häufiger Profivereine, zuletzt mit dem FSV Frankfurt und VfR Aalen gar zwei Vereine in einem Jahr. Misswirtschaft und fehlenden Realismus bei einigen Entscheidungsträgern kritisiert auch Frymuth und verweist darauf, dass Vereine auch durch bodenständige und bescheidene Arbeit erfolgreich sein können, wie es 2017 Holstein Kiel bewiesen habe.

Wenn man den Blick nach unten richtet, wird ein weiteres Manko ersichtlich, welches die Dritte Liga über Jahre hinweg begleitet hat. Da es lediglich drei Absteiger aus der Liga gibt, allerdings ganze fünf Regionalligastaffeln diese Plätze gerne einnehmen würden, wurden diese in den letzten Jahren in Aufstiegsspielen mehr oder minder willkürlich verteilt. Denn selbst nach einer starken Saison und dem damit verbundenem Meistertitel in der vierten Liga ist der Aufstieg noch lange nicht in trockenen Tüchern. Alle Jahre wieder scheitern Staffelmeister an den eigenen Nerven oder dem besseren Gegner. Traditionsvereine wie die Kickers Offenbach oder Waldhof Mannheim mussten diese Erfahrung machen.

Trotz alledem  war die Einführung der Dritten Liga ein bedeutender Schritt in der Historie des deutschen Profifußballs. Auch in dieser Spielzeit wird es wieder packende Begegnungen geben, die tausende Fußballfans in ganz Deutschland begeistern werden. Zeit also, um zu gratulieren. Herzlichen Glückwunsch, 3. Liga!

Fakten, Fakten, Fakten! Interessantes aus den ersten neun Spielzeiten

  • In der Saison 2015/2016 kamen mit über 2.687.000 Zuschauern die meisten Fans zu dem 380 Drittligaspielen.
  • Der direkte Durchmarsch von der vierten in die zweite Liga gelang bisher RB Leipzig, den Kickers Würzburg und Jahn Regensburg.
  • Schützenfest: im Mai 2009 trennten sich Braunschweig und Düsseldorf 5:5, absoluter Ligarekord!
  • Robert Müller hat 272 Ligapartien für den VfR Aalen absolviert und ist damit der am häufigsten eingesetzte Spieler.
  • Bisher spielten insgesamt über 50 verschiedene Mannschaften in der 3. Liga.
  • Die beste Saison kann mit 85 Punkten aus 38 Spielen der Braunschweiger Turn- und Sportverein vorweisen. (2010/2011)
  • Auch die Weltmeister Thomas Müller und Holger Badstuber kickten einst in Deutschlands dritthöchster Spielklasse.
  • Überaus erfolgreich waren die Trainer Uwe Neuhaus und Norbert Maier. Beide stiegen jeweils zwei Mal mit einer Mannschaft in die 2. Bundesliga auf.
  • Erzgebirge Aue spielte 2015/2016 ganze 24-mal zu Null und kassierte in der gesamten Saison lediglich 21 Gegentore.
  • Peter Vollmann ist das Trainer-Urgestein der Liga: bisher stand er für drei Vereine in 199 Spielen an der Seitenlinie.
  • Anton Fink ist mit beeindruckenden 113 Treffern der gefährlichste Ligastürmer aller Zeiten.

Weiterlesen

Wie es mit den Regionalligen weiterging, hat mein Kollege Ralf Lieschke zusammengefasst

Hoch-professionelle Fußball-Romantik?, von den Kollegen zur Saison 2015/2016

Rückblick auf die Saison 2016/2017: 120minuten-Podcast

Deutschlandfunk: Scheinwelt Dritte Liga?

Geburtstage in der Woche vom 24. Juli bis 30. Juli

  • 24.07.: Johann Micoud (1973)
  • 25.07.: Hulk (1986)
  • 26.07.: Paul Freier (1979)
  • 27.07.: Max Power (1993)
  • 28.07.: Torsten Gütschow (1962)
  • 29.07.: Jamie McLaren (1993)
  • 30.07.: Kevin Volland (1992)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung aus der letzten Woche: Am 17.07.2012 traf F91 Dudelange auf den FC Salzburg. Das Zweitrundenspiel der Champions-League-Qualifikation ging mit 1:0 an die Hausherren. Wir bedanken uns für die Rückmeldungen.

Bildnachweis:

X-Weinzar, Wikipedia via Creative Commons

@ballreiter (Die Verwendung erfolgte mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechtsinhabers)

DFB-Imagekampagne, via „Horizont“ (Sämtliche Rechte liegen beim Deutschen Fußball-Bund, die Verwendung erfolgte zu Dokumentationszwecken und verfolgt kein kommerzielles Ziel)

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