17.07. – Das langweiligste Finale aller Zeiten

Eigentlich gewinnt ja die Offensive Spiele und die Defensive Meisterschaften, nicht so jedoch im WM-Finale 1994. Mit Italien und Brasilien trafen zwei Mannschaften aufeinander, deren Philosophien gegensätzlicher nicht hätte sein können: Hier die Zauberer vom Zuckerhut, dort die gute, alte, italienische Abwehrschule. Eigentlich nur folgerichtig, dass sich aus dieser Mischung eine Partie entwickeln musste, die sicherlich nicht wegen ihrer spielerischen Glanzpunkte in die Geschichte einging – wohl aber wegen ihres dramatischen Endes zum Abschluss eines wirklich denkwürdigen Turniers.

von Alex Schnarr
Woche vom 17. Juli – 23. Juli

Ausgerechnet Roberto Baggio. Der “göttliche Zopf”, derjenige, der seine Italiener mit überragenden fünf Toren in der K.O.-Runde überhaupt erst ins Finale gebracht hatte, setzte den entscheidenden Elfmeter im Weltmeisterschaftsfinale 1994 in den Himmel von Pasadena. 94.194 Zuschauer im Rose Bowl und Millionen an den Fernsehgeräten wurden Zeuge, wie sich die brasilianische Nationalmannschaft nach 120 torlosen Minuten im brutalsten aller Entscheide den vierten WM-Titel sichern konnte und die Azzuri um Baresi, Donadoni und eben Baggio ins Tal der Tränen stürzte. Das Bild des italienischen Stürmer-Superstars, der zunächst seinem Schuss nachsieht, um schließlich einfach nur den Kopf zu senken, während um ihn herum die gegnerische Mannschaft in kollektiven Jubel ausbricht, ist sicherlich eins der einprägsamsten dieser an Anekdoten, Rekorden und Skandalen nicht gerade armen Fußball-WM in den USA.

Bereits vor dem Finale zwischen dem defensivstärksten Team (Italien) und der Mannschaft mit der besten Offensive (Brasilien) hatte die 15. Interkontinental-Meisterschaft einige denkwürdige Momente hervorgebracht. Wer erinnert sich schließlich nicht an den Effenbergschen Stinkefinger in Richtung der deutschen Anhänger nach seiner Auswechslung im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea, der die vorzeitige Abreise des Mittelfeldstrategen aus dem deutschen Mannschaftsquartier zur Folge hatte? Oder an Kameruns Stürmerlegende Roger Milla, der durch seinen Treffer beim 1:6 gegen Russland mit 42 Jahren zum bis heute ältesten Torschützen der WM-Geschichte avancierte? Oder an Diego Maradona, der das letzte Gruppenspiel seiner Argentinier aufgrund eines positiven Drogentests nicht mehr bestreiten durfte und in der Folge gänzlich vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde? In der Tat gäbe es zu diesem Turnier einige Geschichten zu erzählen und doch bleibt vermutlich vor allem dieser Schuss im Gedächtnis, der Roberto Baggio, wie er später selbst erzählte, eine “Wunde [zufügte], die sich niemals schließt”.

Dabei sah es zu Beginn des Turniers überhaupt nicht danach aus, dass Italien auch nur ansatzweise Chancen hätte, das Finale zu erreichen. Das Team um Kapitän Franco Baresi erwischte einen Katastrophenstart und unterlag gleich im ersten Spiel der irischen Nationalmannschaft mit 0:1. Die zweite Partie, diesmal gegen Norwegen, gewann man knapp und in Unterzahl mit 1:0, nachdem Torhüter Gianluca Pagliuca in der 21. Minute glatt rot gesehen hatte, Roberto Baggio daraufhin für Ersatzkeeper Luca Marchegiani Platz machen musste und Baggios Namensvetter Dino schließlich nach 69 Spielminuten das goldene Tor erzielen konnte. Das abschließende 1:1 gegen Mexiko brachte den 3. Platz in der Gruppe; für das Achtelfinale qualifizierte man sich lediglich als eine der vier besten drittplatzierten Mannschaften.

Ganz anders Finalgegner Brasilien: Mit 2:0 und 3:0 wurden die ersten beiden Gruppenspiele gegen Russland und Kamerun klar gewonnen, das 1:1 in der letzten Partie gegen Schweden war zu verschmerzen und bedeutete in der Vorrunden-Endabrechnung den ersten Rang. Aus einer sehr guten Selecao stechen bis heute einige Namen besonders hervor: Romário und Bebeto lehrten den gegnerischen Defensiven das Fürchten, Kapitän Carlos Dunga, später selber Trainer der brasilianischen Auswahl, zog im Mittelfeld die Fäden. Im Achtelfinale gegen Gastgeber USA reichte den Kickern vom Zuckerhut ein 1:0 für das Weiterkommen; Siege über die Niederlande (3:2) und Schweden (1:0) bedeuteten schließlich den verdienten Finaleinzug.

Die Italiener mussten derweil im Achtelfinale gegen Nigeria nachsitzen (2:1 n.V.), kassierten auch im Viertelfinale gegen Spanien ein Gegentor (2:1) und setzten sich schließlich gegen das starke Bulgarien, das Weltmeister Deutschland zuvor eliminiert hatte, ebenfalls mit 2:1 durch. Verantwortlich für diesen Erfolg war, wie eingangs schon erwähnt, vor allem Roberto Baggio: Gegen Nigeria besorgte er zunächst den Ausgleich und später auch den Siegtreffer, gegen Spanien schoss er eins der beiden Tore, die Treffer im Halbfinale besorgte er gleich beide selbst. Nun also stand man im Finale – ein Lebenstraum für Baggio und für die Auswahlen beider Länder die Möglichkeit, sich mit dem vierten Weltmeistertitel zum alleinigen Rekordhalter zu krönen.

Allein – das Spiel lebte vor allem von der Taktik, wie man so schön sagt, und von zwei Spielanlagen, die sich im Prinzip gegenseitig neutralisierten. In einigen Medien ist deshalb auch die Rede vom langweiligsten Finale aller Zeiten. Folgerichtig ging es nach 90 torlosen Minuten in die Verlängerung und nach 120 ins Elfmeterschießen – übrigens das allererste in der Final-Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Das Ende ist bekannt, die Bilder gingen um die Welt – und Italien musste weitere zwölf Jahre warten, bis man 2006 in Berlin schließlich zum vierten Mal den WM-Pokal in den Himmel strecken durfte.

Weiterlesen

Philipp Reich: “17.07.1994: “Eine Wunde, die sich niemals schließt” – Roberto Baggios Penalty in die Erdumlaufbahn” (watson.ch)

Benjamin Hofmann: WM-Geschichte 1994: Baggios tragischer Fehlschuss beschert Selecao vierten Titel (goal.com)

Geburtstage in der Woche vom 17. Juli bis 23. Juli

  • 17.07.: Victor Lindelöf (1994)
  • 18.07.: Carlos Eduardo (1987)
  • 19.07.: Michael Hector (1992)
  • 20.07.: Wendell (1993)
  • 21.07.: Ömer Toprak (1989)
  • 22.07.: Daryl Janmaat (1989)
  • 23.07.: Luiz Gustavo (1987)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung aus der letzten Woche: Gesucht war die Halbfinalpaarung der U-20-WM 2013 zwischen dem Irak und Uruguay (1:1). Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis:

Claudio Taffarel & Roberto Baggio von l3o_ | Flickr, Lizenz: Public domain

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