10.07. – Human Pinball

Am 10. Juli 1992 gehen bei der Major Indoor Soccer League die Lichter aus. Von 1978 an wurde unter dem Dach der Liga in den USA Hallenfußball gespielt, der ohne Rücksicht auf Verluste auf Unterhaltung getrimmt war.


von Endreas Müller
Woche vom 10. Juli – 16. Juli

Welche Assoziationen hat der hiesige Fußballfan, wenn er an die USA denkt? Zuerst mag einem der unverhoffte Sieg der US-Auswahl gegen England bei der WM 1950 in den Sinn kommen, dann fällt einem die NASL mit Pelé, Beckenbauer und Co. ein, danach die Heim-WM 1994 und die spätere Gründung der MLS. Und dazwischen? Zwischen Chinaglia und Lalas war die MISL der heiße Fußballscheiß im Land – die Major Indoor Soccer League.

Und dafür gab es gute Gründe. Die Major Indoor Soccer League wurde 1978 ins Leben gerufen und das Fußballspiel knallhart domestiziert. Je fünf Feldspieler und ein Torhüter standen sich in Hockeyarenen gegenüber. Gespielt wurde vier Mal 15 Minuten mit Banden, wie man sie vom Eishockey kennt. Das Spiel sollte schnell sein und viele Tore liefern. Selbst heute schluckt man zunächst wenn man von dieser Entfremdung des Fußballspiels liest. Der Erfolg gab den Machern der MISL allerdings Recht. In den Partien fielen regelmäßig zehn und mehr Tore, die Zuschauer strömten zu tausenden in die Hallen und man konnte einen lukrativen TV-Vertrag an Land ziehen.

Mit der Anpassung der Regularien ließen es die Ligaoberen aber nicht bewenden. Schon kurz nach Start der MISL wurde allerhand ausprobiert, um aus dem Hallenkick ein veritables Spektakel zu machen. Riesige Maskottchen führten die Spieler aufs Feld, die Mannschaften entstiegen einer Wolke aus dampfendem Trockeneis und während sich ein Team im Angriff befand, wurde Musik eingespielt. Ende der 70er-Jahre war diese Effekthascherei selbst für US-amerikanische Verhältnisse eine absolute Neuheit. Basketball und viele andere Sportarten sollten sich die MISL-Praktiken bald aneignen. Doch bis dahin war das, was auf und neben dem Platz geschah eine ganz neue Qualität der Unterhaltung bei Sportveranstaltungen und brachte der MISL den Spitznamen „disco soccer“ ein.

Das Spiel selbst beschreiben ehemalige Aktive mitunter als „human pinball“. Es ging immer munter hin und her und in jedem Spiel wurden zig Dutzend Torschüsse abgegeben. Wenn man den MISL-Fußball mit dem heute von der FIFA geförderten Futsal vergleicht, dann wirkt der US-Hallenkick bei aller Kurzweil nur wie der Arcademodus in einem 80er-Fußball-Videospiel. Anders als die NASL setzte die MISL auf einheimische bzw. eingebürgerte Spieler. Jedes Team musste eine feste nicht unerhebliche Anzahl US-Amerikaner in seinen Reihen haben. Auf Operettenfußball konnte man dementsprechend nicht hoffen.

Natürlich gab es jedoch auch einige Könner. Slaviša „Steve“ Zungul ist wohl der bekannteste Fußballer, der in der MISL kickte. Aufgewachsen in Kroatien lief er für Hajduk Split auf, wurde von europäischen Topklubs umworben und setzte sich in die USA ab. Zunächst spielte er in der NASL, blieb dann aber (aufgrund seines Vertragsbruchs mit Hajduk Split) in der MISL hängen. Und dort traf er und traf und traf. Am Ende seiner MISL-Karriere hatte er über 650 Tore erzielt und über 1.100 Assists gegeben. Karl Heinz Granitza, den es nach seinem Wechsel von der Bundesliga in die NASL, nach Auflösung der Letzteren auch in die MISL verschlug, brachte es auf ebenfalls beachtliche 314 Treffer.

Die MISL-Profis hatten ein gutes Auskommen und verdienten keineswegs schlechter als Profis auf der anderen Seite des großen Teiches. Eher andersherum. Für einige Jahre war die MISL das beste und interessanteste was der US-amerikanische Fußball zu bieten hatte. Für den US-Fußballverband musste der Budenzauber als wichtigste nationale Liga bei der WM-Bewerbung herhalten, der Eventcharakter der Spiele hielt die Fans bei der Stange und sorgte für ausgelassene Stimmung in den Arenen.

Steve Zungul (2. v. l.), via http://indoorsoccerpics-blog-blog.tumblr.com

Mitte der 80er war die MISL auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft angekommen und von da an ging es stetig bergab. Denn der Ligabetrieb war ein stetiger Kampf. Jahr für Jahr poppten neue Franchises auf, andere strichen die Segel. Der Abomeister der ersten Saisons, die New York Arrows, wurden sang- und klanglos aufgelöst, weil der Zuschauerzuspruch zu gering war. Je länger die Liga bestand, desto schwieriger wurde das Wirtschaften für die Vereine, da half auch der eingeführte Salary Cap nicht. Andere Sportarten zogen in punkto Entertainment gleich, Teams gingen mitten in der Saison bankrott und die Liga schrumpfte zusammen bis sich der Spielbetrieb nicht mehr rentierte und am 10. Juli 1992 der MISL der Garaus gemacht wurde.

Man könnte an dieser Stelle noch so viele weitere Anekdoten aufzählen von obskuren Rap-Videos (Kategorie YouTube-Gold), Darth Vader, Spielern die weiblichen Fans vor dem Match Rosen überreichen, neofarbenen Trikots oder unvergleichlichen Mannschaftsbezeichnungen wie Cleveland Crunch oder Phoenix Inferno. Wer mehr über dieses Kapitel der amerikanischen Fußballgeschichte erfahren möchte, dem seien die Links unten empfohlen.

So absurd diese Episode des US-Fußballs wirkt, bleibt festzuhalten, dass die MISL wohl eine ganze Reihe von Dingen richtig machte, wenn sie es schaffte, die Amerikaner für über ein Jahrzehnt zu begeistern.

 

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Geburtstage in der Woche vom 3. Juli bis 9. Juli

  • 10.07.: Mario Gómez (1982)
  • 11.07.: Heiko Gerber (1972)
  • 12.07.: Christian Vieri (1973)
  • 13.07.: Danny da Costa (1993)
  • 14.07.: Serge Gnabry (1995)
  • 15.07.: Christian Springer (1971)
  • 16.07.: Sergio Busquets (1988)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.


Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war das Finale der WM 1954; wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

 

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