06.07. – Es war einmal… ein Sommermärchen

Als die FIFA im Juli 2000 den Ausrichter der WM 2006 bestimmt, sorgt das für große Freude beim DFB und im ganzen Land – die genauen Umstände dieser Entscheidung werden noch viele Jahre im Dunkeln liegen. Doch um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Nationalmannschaft ist es nicht gut bestellt und so ist die Vergabe des Turniers auch Ansporn für Investitionen in die Zukunft.


von Ralf Lieschke
Woche vom 3. Juli – 9. Juli

Am 6. Juli 2000 versammelte sich in Genf das Exekutivkomitee der FIFA, um über den Aus-tragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 abzustimmen. Dieser Entscheidung voran-gegangen war – wie bei solchen Vergabeentscheidungen üblich – ein jahrelanger Prozess von Verhandlungen und Absprachen zwischen den einzelnen National- und Kontinentalver-bänden, der großen Politik und potenten Geldgebern. So galt lange als ausgemacht, dass im Jahr 2006 endlich auch Afrika zu seiner ersten WM kommen sollte. Eine Vergabe nach Südafrika hätte nicht nur sportlich ein Novum dargestellt, sondern auch den Ausrichterstaat nach dem Überwinden der Apartheit ein Stück zurück in die internationale Gemeinschaft geholt. Dem gegenüber stand freilich das ähnlich symbolträchtige Ziel des wiedervereinigten Deutschlandes, nach der gescheiterten Bewerbung Berlins für die Olympischen Spiele 2000 eines der bedeutendsten sportlichen Großereignisse der Welt auszurichten.

Werbung während der WM 2006 in Berlin

Letzten Endes war es die Bewerbung des DFB, die sich mit 12 zu 11 Stimmen im dritten Wahlgang gegen die südafrikanische Konkurrenz durchsetzen konnte, während die einzig verbliebenen Rivalen England und Marokko in den vorigen Wahlgängen chancenlos blieben. Die Südafrikaner wurden auf 2010 vertröstet und das deutsche Bewerbungskomitee um Franz Beckenbauer konnte sich nun offiziell an die Organisation der Weltmeisterschaft machen. Und es gab viel zu tun!

Nur wenige Tage vor der Vergabeentscheidung war die Fußball-Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden zu Ende gegangen. Und wie schon bei der WM 1998 hatte sich die deutsche Nationalmannschaft nicht gerade mit Ruhm bekleckert und war dieses Mal mit nur einem Punkt aus der Gruppenphase noch vor der ersten KO-Runde abgereist. Diese Schmach war sicher einer der Gründe, in den folgenden Jahren die Nachwuchsgewinnung und -förderung beim DFB komplett umzukrempeln – der Wunsch, ein ähnliches Debakel bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land um jeden Preis zu vermeiden, spielte mit einiger Sicherheit eine ähnlich gewichtige Rolle. Und auch wenn es 2006 noch nicht zum ganz großen Wurf reichen sollte, so wurde doch in jener Zeit der Grundstein für eine Entwicklung gelegt, die im WM-Titel 2014 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Und nicht nur in die sportliche Qualität wurde investiert. Auch die Infrastruktur erfuhr im Rahmen der Vorbereitungen auf das Turnier einen immensen Modernisierungsschub. Neben dem Neu- und Umbau der offiziellen WM-Stadien bekamen auch viele andere Spielstätten, die als Trainingsplätze oder Quartier für teilnehmende Mannschaften dienen sollten (oder deren Betreiber sich auch nur Hoffnung auf eine solche Nutzung machten), eine Auffrischung. Und natürlich ließ man sich auch nicht die Chance nehmen, beispielsweise im Bereich der Verkehrswege Projekte vorzuziehen oder zu beschleunigen, damit die erwarteten Besuchermassen beim großen Ereignis reibungslos von A nach B transportiert werden und die frohe Kunde von der deutschen Ingenieurskunst in die Welt tragen würden. Dass dort, wo gehobelt wird, auch Späne fallen, blieb freilich nicht aus – so muss der neue Berliner Hauptbahnhof bis heute auf Teile des ursprünglich geplanten Daches verzichten, weil sonst die pünktliche Fertigstellung gefährdet gewesen wäre. Auch im Bereich der Organisation, der Sicherheit und des Katastrophenschutzes nahm die öffentliche Hand viel Geld in dieselbe, um einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu garantieren.

Und wer weiß… Vielleicht wären von der der WM 2006 tatsächlich in erster Linie der Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“, die Bilder gut gefüllter Fanmeilen und ein rühriger Film von Sönke Wortmann im kollektiven Gedächtnis geblieben, wenn nicht schon wenige Jahre später dunkle Schatten vor allem auf das Zustandekommen der Vergabeentscheidung im Juli 2000 gefallen wären. Heute dominieren die Berichte von Mauschelei, gekauften Stimmen und schwarzen Kassen den Rückblick auf das Großereignis und nicht wenige Funktionäre und Lichtgestalten sind über die Zeit ihres Amtes, ihrer Reputation oder beides verlustig gegangen. Und so bleibt vom Sommermärchen 2006 neben all den schönen Erinnerungen und einer hervorragenden Nachwuchsarbeit des DFB vor allem die Erkenntnis, dass viele Märchen eben zu schön klingen, um tatsächlich ohne Makel zu sein.

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Chronologie zur WM-Vergabe 2006 auf Spiegel Online

Geburtstage in der Woche vom 3. Juli bis 9. Juli

  • 03.07.: Will Grigg (1991)
  • 04.07.: Emile Mpenza (1978)
  • 05.07.: Ansgar Brinkmann (1969)
  • 06.07.: Zé Roberto (1974)
  • 07.07.: Fabian Baumgärtel (1989)
  • 08.07.: Kevin Trapp (1990)
  • 09.07.: Yordan Letchkov (1967)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Partie AZAL PFK Baku – FK Minsk aus der Qualifikation zur Europa League 2011/12; wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis:
„2006“, eigenes Werk, Ralf Lieschke

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