22.06. – In den Farben getrennt, in der Sache vereint

Der 22. Juni des WM-Jahres 1974 dürfte wohl für viele Deutsche in die Geschichte eingegangen sein, egal ob sie nun westlich oder östlich der innerdeutschen Grenze lebten. An jenem Tag sollte das erste und zugleich letzte Mal in der Historie des geteilten Deutschlands die DDR-Nationalmannschaft auf die erste Garde des direkten Konkurrenten aus dem Westen treffen.

von Lennart Birth
Woche: 19.06.2017 – 25.06.2017

Schon bevor überhaupt ein einziges Mal gegen das runde Leder getreten worden war, sorgte die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1974 in Deutschland für Aufsehen. Unter den Augen von mehreren Millionen Fernsehzuschauern geschah in Frankfurt am 5. Januar eine mittelschwere Sensation, als dem Kopf der Gruppe Eins und Austragungsland Bundesrepublik Deutschland die Nationalmannschaft aus der DDR zugelost wurde.
Schnell machte das Gerücht die Runde, die ostdeutschen Funktionäre würden einen Rückzug der WM-Teilnahme in Erwägung ziehen. Dies erwies sich jedoch als falsch und damit war klar, dass im Sommer erstmals in der Geschichte von DDR und BRD ein deutsch-deutsches Fußballländerspiel der A-Nationalmannschaften stattfinden sollte. Ein Novum, dem wohl auf beiden Seiten der Mauer mit Anspannung und Vorfreude entgegengefiebert wurde, spielten schließlich zwei „Klassenfeinde“ gegeneinander.

Bereits im Mai ‘74 gelang es einer Vereinsmannschaft, genauer dem 1. FC Magdeburg, DDR-Sportgeschichte zu schreiben und als einziges Team aus Ostdeutschland den Europapokal der Pokalsieger zu gewinnen. Nur wenige Wochen nach diesem Achtungserfolg wartete auf die Fußballfans mit der Länderspielpartie gegen die favorisierten Westdeutschen ein weiteres Highlight.
Schnell war jedoch klar, dass nur wenige Ostdeutsche die Mannschaft zu den WM-Partien in den Westen würden begleiten dürfen. Zu groß war die Sorge der Parteifunktionäre, dass mit der Tour in die BRD eine Flucht verbunden sein könnte. So waren es am Ende lediglich etwa 1.500 erwählte DDR-Anhänger, die unter den 60.200 Zuschauern im Hamburger Volksparkstadion weilten, als am 22. Juni die denkwürdige Partie ausgetragen wurde. Unter ihnen sollen sich nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch mehrere hundert Stasi-Offiziere befunden haben, die in eigens organisierten Sonderzügen nach Hamburg gebracht wurden. Ihnen fiel, getarnt als normale Stadionbesucher,  die Aufgabe der systematischen Stimmungmache zu, um die Deutsche Demokratische Republik im Ausland würdig zu vertreten.
Selbst Spieler und Funktionäre wurden in Westdeutschland stark überwacht, um eine mögliche Flucht oder westdeutsche Anwerbeversuche zu unterbinden.

„Auszuwählen [für eine Reise zur WM nach Westdeutschland, Anmerkung der Redaktion]sind solche Bürger, die als bewusste sozialistische Staatsbürger eine aktive Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben zeigen sowie ihre politische Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt haben.“
– Erich Mielke (Minister für Staatssicherheit der DDR), Operation „Leder“

Blickt man auf beide Mannschaften, so fallen sofort prominente Persönlichkeiten auf, die dieses denkwürdige Spiel mitgestalten durften. Auf Seiten der Westdeutschen, aufgestellt von Helmut Schön, schnürten 1974 beispielsweise Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß (alle FC Bayern München) sowie Berti Vogts (Borussia Mönchengladbach), Günter Netzer (Real Madrid) und Horst-Dieter Höttges (SV Werder Bremen) die Töppen.
Das Pendant aus den heutigen neuen Bundesländern wurde von Georg Buschner trainiert, der gemeinsam mit DDR-Stars wie Joachim Streich (F.C. Hansa Rostock), Jürgen Sparwasser (1. FC Magdeburg) oder Lothar Kurbjuweit (FC Carl Zeiss Jena) in den Westen reiste.

„Natürlich war das kein normales Spiel. Dass nacheinander beide deutschen Nationalhymnen gespielt wurden, wann hat es das sonst gegeben? Schon die Auslosung – die BRD und die DDR zusammen in einer Gruppe – war in Ost und West mit großem Hurra aufgenommen worden. In der Bundesrepublik haben sie wohl gedacht: Jetzt hauen wir denen mal die Hucke voll, wenn wir mit unseren Profis antreten und nicht – wie 1972 bei den Olympischen Spielen – nur mit der Amateur-Nationalmannschaft. Wir waren natürlich der Außenseiter, aber wir wussten auch, dass wir mithalten können. Die Westdeutschen hatten bis dahin alles andere als überragend gespielt. Bei ihrem ersten Auftritt im Volksparkstadion waren sie trotz ihres 3:0-Siegs gegen Australien sogar vom Hamburger Publikum ausgepfiffen und beschimpft worden. Darauf haben wir ein bisschen gebaut.“
– Jürgen Sparwasser erinnert sich im Tagesspiegel an die Tage vor der denkwürdigen Partie

 

Kampf um den Ball

Bereits vor Anpfiff war klar, dass beide Mannschaften für die nächste Runde qualifiziert sein würden, da sich die Gruppenschlusslichter Chile und Australien nur Remis trennten. Dennoch bot die Paarung eine Menge sportlichen und politischen Zündstoff.
Das Spiel im ausverkauften Stadion begann zunächst wie erwartet: der Favorit aus Westdeutschland begann druckvoll und konnte durch Overath (1. FC Köln) bereits in der dritten Minute das erste Ausrufezeichen setzen. Auch im Anschluss erarbeitete sich die BRD einige gute Chancen, konnte die kompakte Defensive der DDR jedoch nicht bezwingen.
Auf der anderen Seite vergab der Dresdner Hans-Jürgen Kreische für die in blau spielende Ostauswahl eine Großchance, als er einen Schuss aus dem Zentrum über das Tor setzte. Die wohl größte Möglichkeit der ersten Hälfte bot sich dem „Bomber der Nation“, Gerd Müller schoss das Spielgerät allerdings nur an den Torpfosten.
In der zweiten Hälfte entwickelte sich ein munterer Schlagabtausch, verschiedene (Halb-)Chancen auf beiden Seiten konnten aber nicht final verwertet werden.
Erst in der 77. Minute war es schließlich so weit: einen Konter der DDR-Auswahl über die rechte Angriffsseite konnte Jürgen Sparwasser verwerten und zum viel umjubelten Siegtreffer einnetzen. Die Überraschung war perfekt.

„Eine glänzende Aktion des Magdeburgers, schauen Sie, wie er Überblick behält. […] Eine meisterliche Aktion!“
– Heinz-Florian Oertel, Kommentator des DDR-Fernsehens

Während die euphorisierten Anhänger der DDR ein „Hoch soll’n sie leben“ anstimmten, feierten die Helden auf dem Platz umringt von Fotografen neben dem unerwarteten Sieg auch den 1. Platz in der Gruppenphase.

Ein DDR-Wimpel erinnert an die Weltmeisterschaft 1974

Für die einen ein Segen, für die anderen ein Fluch, mag man wohl über den weiteren Verlauf dieser Fußball-Weltmeisterschaft urteilen. Die DDR-Auswahl schoss sich mit dem Sieg durchaus ein „Eigentor“ und musste in Gruppe A (damals spielten die Gruppensieger und -zweiten in einer weiteren Gruppenphase die Finalisten aus) gegen die Fußballschwergewichte  Brasilien und Argentinien antreten und sich diesen geschlagen geben.
Die geläuterten Kicker um Kapitän Beckenbauer konnten sich derweil in der Gruppe B vor Polen und Schweden souverän für das Finale qualifizieren.
Während das Turnier für die DDR also eher enttäuschend endete, machte die BRD mit einem 2:1 über Oranje den zweiten Weltmeister-Titel perfekt und beendete diese außergewöhnliche Weltmeisterschaft im eigenen Land.

Weiterschauen:

Ausgewählte Szenen aus der Partie

Geburtstage in der Woche vom 19. Juni bis 25. Juni:

  • 19.06.: Andrej Kramaric (1991)
  • 20.06.: Sead Kolasinac (1993)
  • 21.06.: Lars Fuchs (1982)
  • 22.06.: Jonathan Schmid (1990)
  • 23.06.: Zinédine Zidane (1972)
  • 24.06.: Lionel Messi (1987)
  • 25.06.: Victor Wanyama (1991)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war das europäische Pokalfinale 1956 zwischen Real Madrid und Stade de Reims. Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis:
Rainer Mittelstädt, Foto des Bundesarchives, Creative Commons
Wikipedia, gemeinfrei

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