15.06. – Ein Prosit nach Nyon

Als am 15.06.1954 die UEFA gegründet wird, interessiert das kaum jemanden. Heute ist der europäische Fußballverband nicht nur wegen der so genannten ‘Mammut-EM’ in aller Munde.

von Alex Schnarr
Woche vom 12.-18. Juni

Stell’ Dir vor, es wird ein kontinentaler Fußballverband aus der Taufe gehoben, der später für Europameisterschaften vom U17- bis in den Erwachsenenbereich verantwortlich zeichnen wird und der für das Champions League-Finale 2017 die Black Eyed Peas in das Millenium Stadium zu Cardiff holte – und kaum jemanden interessiert es. So aber trug es sich zu am 15. Juni 1954, als die Union des Associations Européennes de Football, kurz: UEFA, im Baseler “Hotel Euler” gegründet wurde. Das Medienecho auf diesen Schritt seinerzeit: überschaubar bis nicht vorhanden. Kaum zu begreifen eigentlich für einen Verband, der heute 55 Mitglieder stark ist, vielleicht aber noch wichtiger: der neben der (mittlerweile auf 24 Mannschaften aufgeblasenen) Fußball-Europameisterschaft die möglicherweise wichtigste internationale Vereinstrophäe auslobt.

Keine Frage: aus dem von der Weltöffentlichkeit 1954 noch weitestgehend unbeachteten Verbandsneuling auf der großen Fußballbühne ist längst das geworden, was Martin Thiel im “SWR2 Zeitwort” als ‘Gelddruckmaschine’ bezeichnet. Dabei verfolgt(e) der Verband gemäß seiner eigenen Chronik mit der Gründung zunächst recht ehrenwerte Absichten:

“Das übergeordnete Ziel war […] die Vereinigung der europäischen Nationalverbände unter einem Dachverband zur Förderung von Solidarität und zur Stärkung der Verbände.” (UEFA.org)

Tatsächlich wird aber wohl die Behauptung europäischer Interessen im Weltfußball als treibende Kraft hinter dem Zusammenschluss entscheidender gewesen sein als eine Idee von Solidarität und Gemeinschaftssinn untereinander. Als nämlich 1904 der Weltverband FIFA (Fédération Internationale de Football Association) in Paris gegründet wurde, war das Ganze noch eine rein europäische Veranstaltung. Zu den Gründungsmitgliedern zählten seinerzeit die Fußballverbände der Schweiz, Dänemarks, Frankreichs, der Niederlande, Belgiens, Schwedens und interessanterweise auch ein ganz normaler Fußballverein (der allerdings gewissermaßen den eigenen Nationalverband vertrat): der ‘Madrid Football Club’, heute besser bekannt als Real Madrid.

50 Jahre später, im Gründungsjahr der UEFA, war die Fußballwelt schon eine ganz andere. Inzwischen gab es mit der Asian Football Confederation (gegründet am 08.05.1954), den CONCACAF-Vorgängern Confederación Centroamericana y del Caribe de Fútbol (CCCF – Gründungsjahr 1938) und North American Football Confederation (NAFC, Gründungsjahr 1946) sowie der CONMEBOL, der Confederación Sudamericana de Fútbol (gegründet 1916) bereits supranationale Zusammenschlüsse auf anderen Kontinenten. Mit anderen Worten: die europäischen Nationalverbände drohten, den zentralen Einfluss auf die Entwicklungen im Weltfußball allmählich zu verlieren. Stammten nach dem Zweiten Weltkrieg noch 32 von 60 FIFA-Mitgliedern und damit 53% aus Europa, hatte sich dieser Anteil im Jahr 1953 bereits auf 42% reduziert. Vor diesem Hintergrund entschieden sich Ottorino Barassi, Präsident des Italienischen Fußballverbands (FIGC), José Crahay, Generalsekretär des Königlichen Belgischen Fußballverbands (URBSFA-KBVB), und Henri Delaunay, Generalsekretär des Französischen Fußballverbands (FFF) Anfang der 50er Jahre dazu, die Gründung eines europäischen Dachverbandes für die Nationalverbände voranzutreiben.

Erster Präsident der 1954 schließlich offiziell ins Leben gerufenen UEFA wurde der Däne Ebbe Schwartz, der dem Verband bis 1962 vorstehen sollte. In seine Amtszeit fällt auch der UEFA-Kongress am 2. März 1955 in Wien. “Auf der Tagesordnung der ersten großen Versammlung des neuen Fußballverbands standen Fernsehübertragungen, Fußballwetten, Spielpläne und Wettbewerbe […].” (UEFA.org) Auch damals machte man sich also offenbar schon Gedanken darüber, wie man das schöne Spiel populärer und damit letztlich wohl auch profitabler machen könnte. Ob Schwartz und Co. seinerzeit allerdings schon im Blick hatten, welche Auswüchse das Streben nach größtmöglicher Eventisierung und Kommerzialisierung wohl annehmen würde?

Im Zusammenhang mit dem eingangs bereits angesprochenen Champions League-Finale 2017 gibt der Sportjournalist Barry Glendenning im Guardian-Podcast “Football Weekly” folgendes zu Protokoll:

“UEFA’s seeming determination to ruin this marquee event is baffling. I suppose it’s not that baffling because it’s UEFA, but you know, you’ve got these wonderful sets of fans crammed into this fantastic stadium […], the lid is on, you know, it’s a cauldron, and then they have some banter merchant […], started cheerleading the crowd and ruining the atmosphere they would have been perfectly capable of generating on their own […].”

Ein von offizieller Stelle bezahlter und offenbar völlig unnötiger Einpeitscher sowie eine Pop-Band zu einem Finale des europäischen Landesmeister-Wettbewerbs, sodass man nicht ganz sicher ist, ob jetzt eigentlich die Band oder das Spiel der Grund für die ganze Inszenierung ist, Funktionäre, die sich bei der Besetzung entscheidender Posten an den Personalrochaden und Machenschaften des Weltverbandes orientieren und der geneigte Fußballfan, der ob der ganzen Ideen und Vorschläge aus Nyon in der Schweiz aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommt – die Entwicklung, die der gemeinnützige Verein (!) UEFA seit seinem Bestehen genommen hat, ist schon erstaunlich. Wir sagen zum Geburtstag “Prost” und haben eigentlich nur einen frommen Wunsch: dass irgendwann in einer fernen Zukunft oder einem abgefahrenen Paralleluniversum nicht mehr nur noch die dicken Bankkonten irgendwelcher Verbände und deren Mitglieder die treibende Kraft im europäischen Fußball sind, sondern tatsächlich wieder das Spiel an sich, wegen dem wir alle jedes Wochenende ins Stadion gehen.

Weiterlesen:

UEFA ist nicht die bessere Fifa | FAZ.net 

Black Eyed Peas sorgen für Irritationen | SPOX.com

Geburtstage in der Woche vom 12. bis 18. Juni

  • 12.06.: Philippe Coutinho (1992)
  • 13.06.: Kingsley Coman (1996)
  • 14.06.: Marvin Compper (1985)
  • 15.06.: Vincent Janssen (1994)
  • 16.06.: Fernando Muslera (1986)
  • 17.06.: Jordan Henderson (1990)
  • 18.06.: Pierre-Emerick Aubameyang (1989)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Finalpaarung bei der Fußball-Europameisterschaft 1968 in Italien zwischen dem Gastgeber und Jugoslawien (1:1 n.V.). Wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis: UEFA Logo (via Global Panorama | Flickr), Lizenz: CC BY-SA 2.0

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