29.04. – Verkorkste Reformen und ein unnötiger Heimsieg

Am 29. April 2011 beschließt der DFB-Bundestag eine Regionalligareform, wodurch in der folgenden Saison niemand absteigen muss. Ein ehemaliger Europapokalsieger passt sich dieser Herausforderung an und verfehlt kurz vor dem Ziel einen Eintrag in die Geschichtsbücher.

von Ralf Lieschke
Woche vom 24. April – 30. April

Die Regionalliga. Konzipiert als Bindeglied zwischen dem in den obersten drei Ligen betriebenen Profisport und dem in den Regional- und Landesverbänden des DFB organisierten Amateurbereich, ist sie so etwas wie das vernachlässigte Stiefkind der deutschen Fußballfamilie – immer wieder von seinen (Verbands-)Eltern wegen neuer Lieblingskinder hin und her geschoben, fällt es ihm schwer, seinen Platz zu finden. Kaum eine Liga wurde in Deutschland häufiger reformiert, umstrukturiert, zwischenzeitlich sogar abgeschafft und wieder neu erfunden. Seit eh und je sind die beteiligten Verbände auf der Suche nach dem idealen Interessenausgleich zwischen Vereinen mit Ambitionen für den Profifußball und den kleinen Clubs, für die die Regionalliga schon wegen der wirtschaftlichen und logistischen Herausforderungen das obere Ende der Fahnenstange darstellt.

Nur noch für den Kleidersack: T-Shirt zur Kampagne „Pro Regionalligareform 2012“

Als zur Saison 2008/09 die eingleisige Dritte Liga als weitere Profiliga in Deutschland eingeführt wurde, hatte das auch Konsequenzen für die Regionalliga. Erstmals war die einst als Unterbau der Bundesliga gestartete Liga nur noch viertklassig, vor allem aber wurde sie von zwei auf drei Staffeln vergrößert und mit Mannschaften aus den Oberligen aufgefüllt. Schnell regte sich bei Fans und Vereinen Unmut über den neuen Ligazuschnitt. Einigen waren die drei Staffeln noch immer nicht regional genug dimensioniert, andere beklagten die durch das größere Teilnehmerfeld verringerte Leistungsdichte und Attraktivität der Liga, was wiederum auch wirtschaftliche Schwierigkeiten mit sich brachte. Darüber hinaus sorgte man sich wegen der großen Zahl von zweiten Mannschaften der Profivereine, die langfristig neben der Regionalliga auch die Dritte Liga zu überfluten drohten. Das alles führte im Jahr 2010 zur Kampagne „Pro Regionalligareform 2012“, die von einer großen Zahl der Regionalligisten mitgetragen wurde und sich für das sogenannte „2+1“-Modell einsetzte. Hierbei sollte eine Rückkehr zur zweigleisigen Regionalliga angestrebt werden, mit einer eigenen Staffel für die Zweitvertretungen, um deren Zahl in der Dritten Liga konstant zu halten. Auch beim DFB reifte die Erkenntnis, sich dem öffentlichen Druck zu beugen und die gerade erst reformierte Regionalliga noch einmal umbauen zu müssen.

Auf dem DFB-Bundestag am 29. April 2011 sollte nun nach langer Debatte die neue Struktur der Regionalliga beschlossen werden. Im Vorfeld hatte es kontroverse Diskussionen über das Für und Wider der unterschiedlichen Ansätze „größere Leistungsdichte“ vs. „regionalerer Zuschnitt“ gegeben. Letztendlich war es vor allem der bayerische Landesverband unter DFB-Vizepräsident Rainer Koch, der beseelt vom Wunsch nach einer eigenen „Bayern-Regionalliga“ für eine kleinteiligere Lösung plädierte. In der Folge wurde das heute bekannte Modell mit fünf Regionalligen und der immer wieder kritisierten Aufstiegsrelegation aus dem Hut gezaubert. Die Befürworter des „2+1“-Modells waren damit doppelt vor den Kopf gestoßen: Nicht nur das Problem der Zweitvertretungen wurde nicht gelöst, sondern auch die Lücke zwischen Profi- und Amateurbereich weiter vergrößert.

Durch die mit der Erhöhung der Zahl der Regionalligastaffeln verbundene Vergrößerung des Teilnehmerfeldes war somit bereits zu Beginn der Saison 2011/12 klar, dass es an deren Ende keine sportlichen Absteiger in die Oberligen geben würde. Und es gab einen Verein, der sich das Motto „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss“ besonders zu Herzen genommen haben schien.

Der 1. FC Magdeburg hatte bereits in der Saison 2010/11 in der Regionalliga Nord lange gegen den Abstieg gekämpft und den Klassenerhalt erst am vorletzten Spieltag gesichert. Wie in solchen Fällen üblich, sollte die nächste Spielzeit für Konsolidierung und Neuaufbau genutzt werden. Ob das Scheitern dieses Ansinnens nun an der Gewissheit lag, sowieso nicht absteigen zu können oder doch an limitierter sportlicher Qualität, lässt sich auch Jahre später schwer sagen – Fakt ist, dass auch in der neuen Saison der Tabellenkeller die Heimat der Magdeburger wurde und auch vier Spieltage vor Saisonende noch kein einziger Heimsieg eingefahren werden konnte.

29. April 2012: 1. FC Magdeburg – SV Wilhelmshaven vor für Magdeburger Verhältnisse sehr spärlicher Kulisse

Und so kam es, dass sich auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beschluss des DFB-Bundestages zum Heimspiel gegen den SV Wilhelmshaven im Magdeburger Stadion noch ganze 3.047 Zuschauer verloren. Sie waren der traurige Rest, der sich noch ins Stadion schleppte und nicht wenige von ihnen ertrugen die lähmende Situation nur noch mit Galgenhumor. So hatte man sich schon darauf eingestellt, als der Verein in die Geschichte einzugehen, der eine komplette Saison ohne Heimdreier absolvieren und dennoch die Klasse halten würde. Doch es kam, wie es kommen musste: Der 1. FC Magdeburg versemmelte sogar diese einfache, wenn auch nicht ganz ernst gemeinte, Aufgabe. Dawid Krieger und Maik Koschwitz sorgten mit ihren Toren dafür, dass der Gast aus Wilhelmshaven mit 2:0 nach Hause geschickt wurde und dem FCM der Eintrag in die Annalen des Fußballs verwehrt blieb. Das letzte Heimspiel zwei Wochen später wurde freilich wieder verloren und die Saison auf dem letzten Tabellenplatz beendet.

In den letzten Jahren mehren sich – meist gegen Ende Mai, wenn das Thema „Aufstiegsrelegation“ vor der Tür steht – wieder die Stimmen nach Veränderungen. Auch, wenn der DFB sich derzeit noch vehement gegen eine neuerliche Regionalligareform ausspricht, wird es vermutlich nur eine Frage der Zeit sein, bis das Stiefkind der Fußballfamilie ein neues Zimmer bekommt.

Weiterlesen:

Geburtstage in der Woche vom 24. bis 30. April

  • 24.04.: Yves Eigenrauch (1971)
  • 25.04.: Mirko Votava (1956)
  • 26.04.: Gerrit Müller (1984)
  • 27.04.: Lars & Sven Bender(1989)
  • 28.04.: Juan Mata (1988)
  • 29.04.: Marko Rehmer (1972)
  • 30.04.: Marc-André ter Stegen (1992)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung der letzten Woche: Gesucht war die Partie Tottenham Hotspur gegen den FC Arsenal vom 17. April 1985.

Bildnachweis:

eigene Werke, Ralf Lieschke

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