15.04. – Hillsborough 15. April 1989

Die Tragödie von Hillsborough war eine Zäsur. Sie veränderte nicht nur die Stadien, sondern bereitete den Weg für die Kommerzialisierung des Fußballs, wie er in den 1990er Jahren des letzten Jahrtausends begann und derzeit ungeahnte Blüten treibt. Hillsborough ist aber nicht nur Synonym für eine Katastrophe. Hillsborough steht für Misinformation durch die Polizei und andere offizielle Stellen, für eine gezielte Kampagne um Fußballanhänger, egal welcher Couleur, vorzuverurteilen und entsprechend zu behandeln.

von Christoph Wagner
Woche vom 10. April – 16. April

Es hätte ein wunderbarer Fußballnachmittag werden können: der 15. April 1989 war ein sonniger Tag und mit Nottingham Forest und Liverpool standen sich zwei der populärsten Mannschaften im Halbfinale des FA Cups, dem ältesten Pokalwettbewerb der Welt, gegenüber. Seit jeher werden die Hablfinalspiele auf neutralem Boden ausgetragen, weshalb Forest und Liverpool in Sheffield, im Hillsborough Stadion aufeinandertreffen sollten. Das Stadion ist eines der populärsten in England und erlangte 1989 traurige Berühmtheit. Es stammt aus der Zeit als der Fußball an Popularität gewann und wurde von dem berühmten Stadionarchitekten Archibald Leitch entworfen und gebaut.

Anstoß war um 15:00 Uhr. Gegen 15:06 britischer Zeit, nur 6 Minuten nach Anstoss war der Fußball in England nicht mehr wie vorher. Alles war anders und das auf eine tragische Art und Weise. Das Spiel wurde abgebrochen und die Spieler aus Sicherheitsgründen in die Kabinen geschickt. Was war geschehen?

Eine Verkettung mehrerer Umstände führte dazu, dass kurz vor Spielbeginn noch sehr viele Liverpoolanhänger außerhalb des Stadions warteten. Es waren mehr Liverpoolfans angereist, dennoch wurde ihnen das geringere Kartenkontingent zugeteilt. Kurz vor Spielbeginn öffnete die Polizei Tore, die eigentlich ein zügiges Verlassen des Stadions ermöglichen sollten aus Angst, es könnte vor dem Stadion zu Gedränge und Verletzten kommen. Fatal war die Entscheidung, diese Fans – es waren über 1.000 – in einen Abschnitt im Stadion zu lassen, der bereits voll war. Das Ergebnis war ein überfüllter Block, in dem bald es keinen Platz mehr gab für die kleinste Bewegung, in dem Menschen nach Luft schnappten und der bald darauf zu einer tödlichen Falle wurde. Für 96 endete der Besuch tödlich, unter ihnen Jon-Paul Gilhooley, Cousin der Liverpool-Legende Steven Gerrard.

Täuschung, Lügen, Vorsatz

Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig. Der Ruf von Fußballfans in den 1980er Jahren in Großbritannien war sicher nicht der beste. In der Tat war das Hooliganproblem der alles bestimmende Faktor in der Außenwahrnehmung von Fußballanhängern jeglicher Couleur und des Fußballs im Allgemeinen. Dies wurde durch die Haltung der britischen Premierministerin Margaret Thatcher quasi sanktioniert. In ihren Augen waren alle Fußballfans automatisch Hooligans. Das ist natürlich Unsinn. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings die Tatsache, dass Hooligans, die sich mit Liverpool assoziierten, 1985 in Brüssel für den Tod von 39 Menschen verantwortlich waren. Dennoch ist so ein Pauschalurteil falsch. Was allerdings die weniger fußballaffine Öffentlichkeit und die Medien nicht davon abhielt, ebenjene Gedanken aufzugreifen und weiter zu verbreiten. Im Falle von Hillsborough waren also schnell die Schuldigen gefunden: Liverpooler Fans hatten sich gewaltsam Zugang zum Stadion verschafft und somit die Tragödie verursacht. Berichten zufolge hätten Liverpoolfans die Arbeit der Polizei und Rettungskräfte erschwert bzw. behindert. Grotesk waren Anschuldigungen nach denen es auch Leute gab, die auf die Toten und Verletzten uriniert bzw. diese ausgeraubt hätten. Bis heute hat The Sun, DAS Boulevardblatt aus dem Imperium Murdoch einen schweren Stand, in Liverpool verkauft zu werden, bzw. es wird schlichtweg boykottiert. Grund war die Titelseite mit eben jenen Anschuldigungen des unflätigen Benehmens der Liverpool-Anhänger.

Dazu kam ein Polizist als diensthabender Beamter vor Ort, der vorher nie bei einem Fußballspiel für die Sicherheit zuständig war, der also nicht wusste, wie eine rüpelhafte Menge friedlich unter Kontrolle zu halten sei, ohne dabei Aggressionen auf beiden Seiten zu schüren. Mehr noch, diese hatten kein Problem damit, in unmittelbarer Sichtweite des Desasters zu behaupten, dass Fans sich gewaltsam Zugang zum Stadion verschafft hätten.
Heute, nahezu 30 Jahre später weiß man, dass dies eine gefährliche Kampagne war, die von Polizei und Presse gesteuert wurde und dazu führte, dass eine gründliche Untersuchung nicht möglich war. Mehr als 100 Aussagen von Polizeibeamten waren gefälscht, wie sich herausstellte. Dies alles mit dem Ziel, die Verantwortung auf die Fans abzuwälzen.
Die Konsequenzen sind heute noch zu spüren. Heute sind Fußballstadien in Großbritannien nahezu vollständig zu Sitzstadien geworden und eine Debatte, ob und wie Stehplätze wieder eingeführt werden könnten, ist in vollem Gange. Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis endgültig feststand, dass weder Alkohol noch aggressives Verhalten der Liverpoolanhänger die Ursache für die Katastrophe waren. Vielmehr wurde eindeutig festgestellt, dass das unkontrollierte Öffnen zusätzlicher Stadiontore durch Polizei und Sicherheitskräfte die Situation vor dem Stadion möglicherweise entspannt hat, im Stadion aber fatale Folgen hatte. Die Polizei war überfordert, ebenso die Rettungskräfte, die mitunter auch gar nicht ins Stadion gelassen wurden.

Der Taylor-Report

In seinem Abschlussbericht schrieb der Richter Lord Taylor, dass es deprimierend sei, dass sein Bericht bereits der neunte dieser Art sei und es erst dazu kommen musste, dass nahezu hundert Menschen ihr Leben verlieren mussten, bevor drastische Maßnahmen eingesetzt würden. Was für ihn schlichtweg bedeutet, dass aus früheren Beinahe-Katastrophen keine Lehren gezogen wurden. Stattdessen versteckte man sich hinter der Floskel

„So etwas kann hier nicht passieren“

Der Anlass für Hillsborough waren überfüllte Blöcke im Stadion. Die Ursachen gingen aber viel weiter und tiefer, argumentierte Taylor. In seinen Augen waren das sowohl veraltete und marode Stadien, die nicht mehr zeitgemäß waren, sowie Hooliganismus und exzessiver Alkoholgenuss. Wobei er ausdrücklich betonte, dass das Verhalten der Fußballanhänger als Reaktion auf den desolaten Zustand der Stadien zurückzuführen ist.

Der Report sprach weiterhin Empfehlungen aus, wie die Stadien zu verbessern seien, um eben solche Katastrophen wie Hillsborough zu vermeiden. Der wichtigste Punkt waren die Sitzplatzstadien, in denen es keinen Raum mehr gab für Stehtribünen. Der Fußball erlebte eine Revolution.

Geburtstage in der Woche vom 10. bis 16. April

  • 10.04.: Steve Claridge (1966)
  • 11.04.: Dele Alli (1996)
  • 12.04.: Timo Gebhart (1989)
  • 13.04.: César (1956)
  • 13.04.: Christian Uffrecht (1981)
  • 15.04.: Pierre-Alain Frau (1980)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung der letzten Woche: Am 5. April 1978 empfing Real Madrid den FC Barcelona zum El Clasico. Real gewann die Partie glatt mit 4-0 nach Toren von Jensen (6., 10.), Juanito (69.) und Castillana (80.). Es war der 29. Heimsieg für Madrid gegen den Erzrivalen aus der Catalanischen Hauptstadt.

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