05.04. – Deutschland, international!

Das erste Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft

Deutschland gegen die Schweiz, das wäre heute auf dem Papier und wohl auch auf dem Platz eine klare Angelegenheit. Kaum jemand würde dem Fußballzwerg Schweiz gegen den vierfachen Weltmeister wohl ernsthafte Chancen einräumen. Während „Die Mannschaft“  seit Jahren sehr erfolgreich um europäische und internationale Titel kämpft, nimmt die Schweiz eher eine Nebenrolle hinter den Big Playern aus Spanien, Portugal, England und ebenjener deutschen Ländervertretung ein.

Doch wie sah das vor über 100 Jahren aus? Am 05.04.1908 dribbelte erstmals in der Geschichte eine deutsche Nationalmannschaft gegen ein anderes Land auf; und geriet bei chaotischen Bedingungen mit 5 zu 3 mächtig unter die Räder.

von Lennart Birth
Woche: 03.04.2017 – 09.04.2017

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckte der deutsche Fußball noch in den Kinderschuhen. Während auf der Insel in großen Schritten der einst rüde Straßensport in geordnete Bahnen gelenkt wurde (so gründete sich beispielsweise im Jahr 1863 die Football Association (FA)), gestaltete sich das Ballspiel in Deutschland noch unorganisiert und wurde nur von wenigen Deutschen als ernsthafte Alternative zu etablierten Sportarten angesehen.

Fußball war zunächst den jüngeren Menschen vorbehalten, Konrad Koch brachte 1874 den neumodischen Sport von der Insel nach Braunschweig, wo auch das erste Fußballspiel überhaupt auf deutschem Boden stattfand. In bürgerlichen Kreisen galt der rohe Sport jedoch lange Zeit als schädlich und weniger ästhetisch als das allseits beliebte Turnen.

Die logische Konsequenz? Es gab wenige Vereine und erst im Jahr 1900 gründete sich mit dem Deutschen-Fußball-Bund (DFB) eine Institution, die sich fortan um die Organisation von Turnieren und Regeln kümmerte.

Zu den Aufgaben des neu gegründeten Verbandes gehörte auch, für Fußballer aus dem Deutschen Reich die Möglichkeit zu schaffen, sich mit ausländischen Teams zu messen. Die Finanzierung von solchen „internationalen Länderkämpfen“ gestaltete sich lange Zeit jedoch als schwierig. Schlussendlich mussten sich die Kicker noch einige Jahre mit innerdeutschen Partien begnügen und erst im Jahr 1908, also über ein halbes Jahrzehnt nach der Gründung des DFB, konnte eine deutsche überregionale Vertretung international auftreten. Perspektivisch sollte für die Folgejahre eine ständige „Bundesmannschaft“ installiert werden, in den Fokus rückte dabei insbesondere die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1912.

Am 5. April sollte somit der Grundstein für viele Jahrzehnte erfolgreichen Nationalmannschaftssport gelegt werden. Als Gegner erwählte man den Nachbarn Schweiz und auch der Spielort Basel war zwei Wochen vor Austragung der Partie gefunden.
Mit heutigen Verhältnissen ist das erste Länderspiel jedoch nicht zu vergleichen, statt in einer modernen Hochglanzarena, kickten die beiden Mannschaften im schlammigen Landhof-Stadion. Etwa 3.500 Zuschauer wollten sich die Partie ansehen, trotz horrender Ticketpreise (das Problem gibt es also schon länger) und schlechtem Wetter war die Partie für damalige Verhältnisse also gut besucht.

Insbesondere die Besucherinnen kamen an jenem verregneten Apriltag voll auf ihre Kosten, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Damen, die dem Spiel beiwohnten, erhielten eine Tafel Schokolade für ihr Erscheinen; eine freundliche Geste eines ortsansässigen Kakao-Verarbeiters und ein Indiz dafür, dass der damalige Fußball mit der heutigen Milliardenwirtschaft Profisport kaum zu vergleichen ist.

Das Landhof-Stadion heute

Die chaotischen Verhältnisse vor der Partie waren wohl ein Grund für das letztendlich schlechte Abschneiden der Deutschen in Basel. Es gab keinen Bundestrainer, stattdessen musste der Spielausschuss des DFB die Entscheidung treffen, welche Männer in die Schweiz reisen sollten.  Um keinen der Regionalverbände zu benachteiligen, wurde vorher genau festgelegt, wie viele Spieler aus einer Region in Basel auflaufen würden. So wurde ein zusammengewürfelter Haufen von Fußballern auserkoren, die von vielen unterschiedlichen Vereinen aus allen Teilen Deutschlands kamen und sich erst im Zug beziehungsweise im Hotel kennenlernten.

„Nach der Veröffentlichung in der Zeitung habe ich damals über eine Woche lang nichts mehr von meiner Aufstellung für den Länderkampf gehört. Zwei in Frankfurt ansässige Mitglieder des DFB-Vorstandes bzw. des VSFV konnten mir lediglich bestätigen, dass es mit meiner Nominierung zum Länderspiel seine Richtigkeit habe. Endlich kam dann am Donnerstag die sehnlichst erwartete Nachricht vom DFB. […] Dann kam endlich am Freitagnachmittag, also nicht einmal 24 Stunden vor der Abfahrt des Zuges nach Basel, der Schlussbescheid. Kurz und bündig: Am Samstag würde mir an der Bahnsteigsperre (Zug kommt aus Berlin) die Fahrkarte zur Reise nach Basel ausgehändigt.“
– Fritz Becker, erster deutscher Torschütze in einem Länderspiel

Die erste deutsche Nationalmannschaft aus dem Jahr 1908

Die Partie unter der Leitung eines englischen Schiedsrichters begann für das Deutsche Reich verheißungsvoll. Fritz Becker (Frankfurter FC Kickers) gelang es bereits in der 6. Spielminute, für seine Mannen einzunetzen. Der gute Auftakt war insbesondere deswegen so verwunderlich, weil Mannschaftskapitän Arthur Hiller (1. FC Pforzheim) ohne jegliche Vorkenntnisse über Stärken und Schwächen seiner Kameraden die taktische Ausrichtung festlegen musste.

„Der aufgeweichte, schlüpfrige Boden lässt ein sicheres Spiel nicht mehr aufkommen“
– Reporter des Fachblattes „Football Suisse“ zu den Rahmenbedingungen der Partie

Die Führung hielt auch nur eine Viertelstunde an, bis der Schweizer Torreigen bei anhaltend schlechtem Wetter einsetzte. Hans Kämpfer konnte für die Gastgeber ausgleichen, ehe ein deutscher Spieler unfreiwillig in die Geschichtsbücher einging. Ernst Jordan (Magdeburger Fußball- u. Cricket-Club Victoria) war erst eine Woche vor Spielbeginn für einen verletzten Leipziger nachnominiert worden, der hünenhafte Linksverteidiger wurde also ins kalte Wasser geworfen und traf bei den schwierigen Platzbedingungen nach einem Freistoß ins eigene Tor – 2:1 für die Schweiz.

„Ehe sie die Situation erkannten, war Kämpfer zum Ball gleichsam emporgestiegen: ein scharfer Ruck des Kopfes, ein zweites Haupt taucht auf, kreuzt den Weg des Balls und stieß ihn mit energischer Drehung – ins eigene Netz!“
– Kicker-Chronist Joseph Michler (Rückblick)

Mit einem deutlichen zwei-Tore-Vorsprung gingen die Schweizer Spieler in die Halbzeit, doch sollte für die Gäste in den schwarz-weißen Trikots mit einem überdimensionierten Reichsadler auf der Brust in Halbzeit zwei noch etwas gehen? Nein, denn trotz des zwischenzeitlichen Anschlusstreffers durch Fritz Förderer (Karlsruher FV) in der 52. Minute gelang es den Deutschen nicht mehr, den Schweizern ernsthaft gefährlich zu werden. Den letzten Treffer zum schlussendlichen 5:3-Endstand markierte erneut Hans Kämpfer, der für die Schweizer somit sogar einen Doppelpack schnüren konnte.

„Die Deutschen haben durch ihre Hintermannschaft verloren. Jordan war der schwächste Punkt.“
– DFB-Funktionär Hugo Egon Kubaseck

Nach der Partie war schnell ein Schuldiger gefunden, Fachmänner machten Jordan für die Niederlage mitverantwortlich und kritisierten ihn scharf. Der Magdeburger Malermeister sollte nie wieder für die Nationalmannschaft auf dem Platz stehen.

In den Folgejahren wurde der Fußball in Deutschland immer beliebter, durch die zunehmende Popularität des Ballspiels wuchs auch die Anzahl der Länderspiele kontinuierlich, 1908 läuteten elf Männer viele erfolgreiche Sportjahrzehnte ein.
Vier Jahre nach der Niederlage gegen die Schweiz schlugen die Deutschen im Rahmen der olympischen Spiele Russland mit 16:0. Der höchste Sieg in der Geschichte einer deutschen Fußballnationalmannschaft kann wohl als exemplarisch für die erfolgreiche Entwicklung der Folgejahre angesehen werden.

Weiterlesen:

Geburtstage in der Woche 03.04. bis 09.04.:

  • 03.04.: Heinz Glaser (1926)
  • 04.04.: Dirk Vollmar (1972)
  • 05.04.: Marcel Franke (1993)
  • 06.04.: Alexandra Popp (1991)
  • 07.04.: Franco Matías Di Santo (1989)
  • 08.04.: Eberhard Vogel (1943)
  • 09.04.: Thomas Doll (1966)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: gesucht war die Partie MSV Duisburg gegen Dynamo Dresden aus dem Jahr 1992, wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis:
Dr. Nachtigaller via Creative Commons
Wikipedia, gemeinfrei

 

 

2 Kommentare

  1. Ich denke, die Schweiz als „Fußballzwerg“ zu bezeichnen, ist doch sehr gewagt. Nicht umsonst stehen sie auf Platz 11 der Fifa-Weltrangliste. Zum Vergleich: Deutschland liegt auf dem Dritten Rang.
    Ansonsten Toller Artikel, Mach weiter so 🙂

    • Lennart Birth

      Vielen Dank für das Feedback. Klar ist die Schweiz kein unbeschriebenes Blatt im europäischen Fußball, trotzdem hat sie eben nicht so viele Erfolge vorzuweisen. Aber Meinung bleibt Meinung! 🙂
      Danke auch für dein Lob, jede Art von Kritik ist ausdrücklich erwünscht.

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