01.04. – „Ein Tor würde dem Spiel gut tun“

Wie ein umgestürztes Tor zu einer Sternstunde deutscher Fernsehunterhaltung führte

Champions League. Liga der Besten. Die Crème de la Crème des europäischen Spitzenfußballs. Während der Erfolg in diesem Format für die teilnehmenden Mannschaften nur schwer planbar ist (noch nie konnte bis dato eine Mannschaft den Champions-League-Titel verteidigen), gilt für die mediale Inszenierung des Fußballspektakels das ganze Gegenteil: Alles ist minutiös durchstrukturiert, Abweichungen vom Plan sind nicht vorgesehen, die Übertragung einer handelsüblichen Partie folgt einer strengen Choreographie. Eigentlich. Und doch passieren manchmal Dinge, gegen die auch die am besten organisierte Fußballfernsehmaschinerie machtlos ist und die erfahrenen Moderatoren, die in ihrer Karriere schon so einiges erlebt haben, ungeahntes Improvisationstalent abverlangen.

von Alex Schnarr
Woche: 27.03.2017 – 02.04.2017

Wir schreiben den 1. April 1998, Borussia Dortmund ist als Titelverteidiger zum Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997/1998 bei Real Madrid zu Gast. Der Anpfiff ist, wie bei solchen Partien üblich, für 20:45 Uhr vorgesehen. Knapp 90 Sekunden, bevor es soweit ist, passiert etwas, was im so genannten modernen Fußball im Allgemeinen und bei einem Weltklasse-Klub wie Real Madrid im Besonderen eigentlich kaum vorstellbar ist: eines der Tore kippt um. Anhänger der Königlichen waren auf einen Zaun geklettert, der daraufhin nach hinten knickte und das Tor, das am Zaun befestigt war, mitriss. War es fast auf den Tag genau 27 Jahre zuvor ein Holztor, das (allerdings im laufenden Spiel) den Geist aufgab, erwischte es nun die daraufhin eingeführte Aluminiumkonstruktion – und das ausgerechnet live und zur allerbesten Sendezeit.

Für Marcel Reif, der das Spiel für RTL kommentieren sollte, galt es nun, nicht nur das Ereignis als solches aufzugreifen, sondern auch die Wartezeit bis zur Reparatur oder Bereitstellung eines Ersatztores irgendwie sinnvoll zu überbrücken. Keine so einfache Situation, zumal er sich nach eigenen Angaben selbst sehr auf die Partie gefreut hatte. In einem Interview mit WELT Online aus dem Jahr 2008 erinnert er sich folgendermaßen:

“Ich wollte tatsächlich nicht zur Kenntnis nehmen, dass hier etwas nicht stimmt, und dachte, dass jeden Moment ein neues Tor eingehängt wird und es schnell losgeht. Ich habe dann solch einen Unsinn geredet – von Katalonien, vom Zentralismus in Spanien, es wurde immer schlimmer.” – Marcel Reif bei WELT Online

Zur Überbrückung – und weil wohl auch RTL nicht so recht wusste, wie man mit der Situation umgehen sollte – wurde Marcel Reif sein Kollege und guter Freund Günther Jauch zugeschaltet. Was folgte, war ein episches Stück Fernsehgeschichte, an dessen Ende Reif sicher war, dass man ihm kündigen würde, während Jauch eher die Ansicht vertrat, dass sich beide mit ihrer Improvisation für einen Fernsehpreis empfohlen hätten. Während der 76-minütigen (!!) Wartezeit, innerhalb derer Real Madrid nach vergeblichen und eher kläglichen Reparaturversuchen ein Ersatztor vom Trainingsgelände herbeischaffen musste, erfuhr der geneigte deutsche Fernsehzuschauer so einiges. Man lernte, dass Reif an jenem Morgen erst ein IKEA-Regal aufgebaut hatte, dass das aber nun nicht in den heimischen Keller passen würde und lauschte gebannt, was sich daraus jetzt wohl für die Situation in Madrid ableiten ließe. Es fielen Sätze wie “Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan“ (Reif) und “Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben, […] das erste Tor ist schon gefallen!“ (Jauch).

Das Ende vom Lied waren mehr als eine Stunde bester Unterhaltung und – hier sollte Günther Jauch tatsächlich Recht behalten – der Bayrische Fernsehpreis 1998 sowie eine Nominierung für den Adolf-Grimme-Preis 1999. Fußball wurde dann übrigens auch noch gespielt, wenngleich die tatsächliche Begegnung nur noch halb so viele Fernsehzuschauer (etwa 6 Millionen) verfolgten, wie das 76-minütige Spektakel zuvor (knapp 12 Millionen). Borussia Dortmund verlor die Partie schließlich mit 0:2 und schied nach einem torlosen Rückspiel, wie es sich für einen Champions-League-Titelverteidiger gehört, aus dem Turnier aus. Am 28. Mai 1998 holte Real den Titel mit einem 1:0 im Finale gegen Juventus Turin – und einer Fußballübertragung, der an diesem Tag auch kein umgefallenes Tor in die Quere kam.

 Weiterlesen:

Torfall von Madrid (Wikipedia)
“Jauch rettete mich vorm medialen Selbstmord” (WELT Online)
Der Fußball und das Fernsehen (120minuten)

Geburtstage in der Woche 27.03.-02.04.:

  • 27.03.: Manuel Neuer (1986)
  • 28.03.: Sepp Herberger (1897)
  • 29.03.: N’Golo Kanté (1991)
  • 30.03.: Sergio Ramos (1986)
  • 31.03.: Christian Mathenia (1992)
  • 01.04.: Clarence Seedorf (1976)
  • 02.04.: Miralem Pjanic (1990)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: gesucht war die Partie Chelsea gegen Manchester City aus dem Jahr 2003, wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis: tor by Martin Abegglen, CC BY-SA 2.0 via flickr.com

 

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