12.03. – Watersnoodwedstrijd

Wie ein Benefizspiel den Profifußball in den Niederlanden einläutete

von Alex Schnarr
Woche: 06.03.2017 – 12.03.2017

Man stelle sich vor, Leroy Sané (Manchester City) und Emre Can (FC Liverpool) organisieren ein Benefiz-Länderspiel deutscher Profis gegen die englische Fußball-Nationalmannschaft, um Geld für die Opfer einer Naturkatastrophe in Deutschland zu sammeln. Während der englische Fußballverband recht schnell mit im Boot ist, stimmt der DFB der Begegnung zwar zu, verweigert ihr aber die Anerkennung als offizielles Länderspiel und setzt sogar durch, dass vor dem Anpfiff nicht einmal die offizielle deutsche Nationalhymne erklingen dürfe. Begründung: Sané und Can wären Berufsfußballer, die deutsche Nationalmannschaft dürfe aber nur aus Amateuren bestehen; schließlich sei ja auch die Bundesliga so etwas wie die letzte Bastion des einzig wahren Sports: dem auf Amateurebene nämlich.

Klingt schräg? Ist es auch, trug sich aber 1953 trotzdem so zu, nur, dass die Protagonisten nicht Leroy Sané und Emre Can, sondern Theo Timmermans und Bram Appel hießen und die Auswahlen, um die es ging, die der Niederlande und Frankreichs waren. Was war passiert?

In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 suchte eine schwere Sturmflut die Küsten Englands, der Niederlande und Belgiens heim. Insbesondere das holländische Königreich wurde hart getroffen: nach offiziellen Angaben fanden 1.835 Menschen den Tod. Infolge der Katastrophe wurden verschiedene Benefizaktionen organisiert, so führte beispielsweise der niederländische Fußballverband KNVB am 7. März 1953 in Rotterdam gegen Dänemark ein Länderspiel zugunsten eines nationalen Katastrophenfonds durch, das vor 63.000 Zuschauern mit 1:2 verloren ging. Für die ‘Elftal’ liefen dabei ausschließlich Amateurspieler auf; Fußballer, die ihr Geld mit dem Sport verdienten, galten zur damaligen Zeit in den Niederlanden als geldgierige Verräter, die vom Verband für jegliche Auswahlspiele gesperrt wurden. Eine Folge war, dass der überwiegende Teil der besten Fußballer des Landes der niederländischen Liga den Rücken kehrte und dorthin ging, wo man für das Fußballspielen eben gut bezahlt wurde. Was in Zeiten, in denen flächendeckende mediale Sportberichterstattung noch ein Fremdwort war, wiederum dazu führte, dass der durchschnittliche holländische Fußballfan die besten Kicker des Landes im Prinzip nicht mehr zu sehen bekam.

Zwei dieser ‘geldgierigen Verräter’ waren die oben bereits erwähnten Theo Timmermans und Bram Apel. Beide spielten in Frankreich, wo der Profifußball längst Einzug gehalten hatte, Timmermans bei Olympique Nîmes, Apel bei Stade Reims. Gemeinsam ergriffen sie die Initiative, zugunsten der Flutopfer in der Heimat ein Spiel niederländischer Profifußballer gegen eine französische Auswahl zu organisieren. Der französische Verband FFF erklärte sich bereit, die eigene Nationalmannschaft antreten und die Begegnung in Paris stattfinden zu lassen – die Idee des “Watersnoodwedstrijd” (des “Flutopferspiels”) war geboren.

Für das Spiel kamen holländische Profis aus ganz Frankreich zusammen, dazu noch Keeper Frans de Munck vom 1. FC Köln, was eine bunt zusammengewürfelte Truppe ergab – einige Spieler kannten sich nicht einmal persönlich, geschweige denn, dass sie jemals vorher zusammen auf dem Platz gestanden hätten. Dem KNVB wiederum gefiel die ganze Sache so überhaupt gar nicht. Ein Auflaufen in der Kluft der holländischen Nationalmannschaft wurde untersagt, das Spielen der offiziellen Hymne ebenso, auf dem offiziellen Mannschaftsfoto wurde das Team nicht als “Holland”, sondern als ‘„Pros“ Hollandais’ ausgewiesen.

Nach anfänglichen Abstimmungsschwierigkeiten vor etwa 40.000 Zuschauern, davon bis zu 10.000 aus den Niederlanden, und einem 0:1-Pausenrückstand machte das holländische Team in den zweiten 45 Minuten gewaltig Druck. Durch Treffer von Bertus de Harder (58.) und Bram Apel (81.) drehten sie das Spiel und gewannen schließlich mit 2:1. Noch wichtiger als das Prestige und die etwa 110.000 Gulden, die durch die Partie zusammen kamen, waren allerdings die Auswirkungen auf den holländischen Fußball.

Die Fachpresse schwärmte allenthalben vom Auftreten der holländischen Profis; direkt nach der Partie wurden Stimmen laut, die fragten, wie lange der KNVB diese Spieler dem heimischen Publikum durch das starre Festhalten am Amateurgebot eigentlich noch vorenthalten wollte. Zu offensichtlich war außerdem, wie sehr sich die Akteure seit ihrem Weggang aus der Heimat technisch, taktisch und selbst physisch verbessert hatten. Schnell war also klar, dass der Einzug des Profifußballs in den Niederlanden nach dem 2:1-Erfolg vom 12. März 1953 nicht mehr aufzuhalten war.

Verbandsmühlen malen aber bekanntlich langsam, und so machte der KNVB erst einmal weiter wie bisher. In Konkurrenz zum Amateurligabetrieb hatte sich allerdings im Jahr nach dem Watersnoodwedstrijd ein eigener niederländischer Profiverband gegründet, 10 Berufsfußballteams traten ab 1954 gegeneinander an. Treibende Kraft war Unternehmer Gied Joosten, der in Paris vor Ort war und anschließend mit “Fortuna ‘54” die erste holländische Profimannschaft ins Leben rief. In der Folge kehrten nicht nur nach und nach die Auslandsprofis nach Hause zurück, sondern auch die Zuschauer dem KNVB-Amateurbetrieb zunehmend den Rücken. 11 Spieltage war die neue Profiliga alt, als sich KNVB und NBVB (der Profiverband) auf eine Fusion einigten, aus der zunächst ein gemeinsamer Wettbewerb und ab 1956 die “Eredivisie” hervorging. Der Profifußball war damit auch in den Niederlanden offiziell angekommen.

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Geburtstage in der Woche 06.03. – 12.03.

  • 06.03.: Sandro Rosell (1964)
  • 07.03.: Mathieu Flamini (1984)
  • 08.03.: Florentino Pérez (1947)
  • 09.03.: Pirmin Schwegler (1987)
  • 10.03.: Ivan Rakitic (1988)
  • 11.03.: Alessandro Florenzi (1991)
  • 12.03.: Pim Verbeek (1956)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: Gesucht war die Partie Bulgarien gegen die DDR aus dem Jahr 1979, wir bedanken uns für die zahlreichen Rückmeldungen.

Bildnachweis: Wikimedia Commons

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