20.02. – Berlusconi, übernehmen Sie!

Silvio Berlusconi übernimmt den AC Mailand und verändert den europäischen Fußball

von Endreas Müller
Woche: 20.02.2017 – 26.02.2017

Am 20. Februar 1986 schwebt Silvio Berlusconi herab zum AC Mailand, um den Verein nach seinen Vorstellungen zu formen. Stilecht im Hubschrauber heranbrausend und mit Richard Wagners Ritt der Walküren als musikalischer Untermalung wurde er an diesem Tag als neuer Vereinspräsident und Mehrheitseigner des Klubs vorgestellt. 

In diesem Text soll es nicht um die zahlreichen Skandale um Berlusconi gehen: nicht um die zweifelhafte Herkunft seines Vermögens, auch nicht um potentielle Interessenkonflikte durch seine Rolle als italienischer Ministerpräsident und Medienmogul, ebenso wenig um die fast drei Dutzend Anklagen, mit denen er sich herumschlagen musste, und auch nicht um Sexskandale oder seine Schönheitsoperationen.

Als Berlusconi den AC Mailand 1986 übernimmt, ist er in erster Linie ein erfolgreicher Unternehmer. Milan steckte nach den großen Erfolgen der 60er- und 70er-Jahre in der Mittelmäßigkeit fest. Nach einem Wettskandal wurde der Verein 1980 als amtierender Meister in die Serie B versetzt. Davon erholte sich der AC Mailand nur langsam. Ein Schuldenberg erschwerte die Arbeit.

Berlusconi war und ist kein ausgewiesener Fußballfachmann, aber dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass er das Team zurück in die Erfolgsspur führte und den Weg für die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte ebnete. Unter Berlusconis Präsidentschaft wurde acht Mal der nationale Meistertitel und fünf Mal der Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League-Trophäe in die Höhe gestemmt.

Berlusconi befreite den Verein zunächst von seinen Schulden und verpflichtete namhafte Spieler. Die schillerndsten unter ihnen waren natürlich die drei Niederländer Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard, die 1987 bzw. 1988 zur Mannschaft stießen. 1992 hatte der Verein fünf der letzten sechs Europäischen Fußballer des Jahres unter Vertrag (Gullit ’87, Marco van Basten ’88, ’89, ’92 sowie Jean-Pierre Papin ’91).

Im Finale der Champions League 1994 schlägt der AC Mailand unter Fabio Capello, der zuvor mit eher defensivem Fußball aufgefallen war, den favorisierten FC Barcelona deutlich mit 4:0.

Neben öffentlichkeitswirksamen Verpflichtungen wurden im Verein aber auch eine ganze Reihe strategischer Entscheidungen getroffen, die den Erfolg des Klubs maßgeblich beeinflussten. Der wichtigste Schachzug war sicherlich die Verpflichtung von Arrigo Sacchi 1987. Der Autodidakt ohne Profikarriere hatte zuvor den AC Parma aus der Drittklassigkeit in die zweite italienische Liga geführt und den AC Mailand im italienischen Pokal bezwungen. Beim seinem neuen Verein implementierte Sacchi als Trainer eine perfekt funktionierende Raumdeckung und ein Pressingspiel, dass den Grundstein für die Art von Fußball legte, wie wir ihn heute oft zu sehen bekommen. Aber auch in die Infrastruktur wurde investiert. Das Centro Sportivo Milanello, ein Trainings- und Ausbildungszentrum mit angeschlossenem sportmedizinischem Komplex, ist eines der renommiertesten seiner Art.

“Milan is a team, but it’s also a product to sell; something to offer on the market.”

Silvio Berlusconi, 1986, auf einer PK wenige Tage nach der Übernahme des AC Mailand

Als Berlusconi den Verein übernahm, war die europäische Fußballlandschaft noch eine andere. Wer einem Verein vorstand oder ihn finanziell unterstützte, wollte damit in erster Linie seine Reputation mehren oder sich als Gönner verstanden wissen. Natürlich mag das auch eines der Handlungsmotive von Berlusconi gewesen sein, aber er stand auch am Anfang einer Entwicklung, die den heutigen Fußball maßgeblich beeinflusst. Er sah sein Engagement als Investment und dachte ausgesprochen unternehmerisch. Berlusconi hatte bereits Erfahrung mit TV-Rechten an Fußballspielen und begriff den Sport als eine lukrative Quelle für Einnahmen und ein hervorragend im TV vermarktbares Unterhaltungsprodukt.

Der damalige Pokal der Landesmeister, schöpfte dieses Potential vollkommen unzureichend aus, so Berlusconis Meinung. Bezeichnend war für ihn eine Erstrundenpartie zwischen Real Madrid und dem SSC Neapel 1987. Zwei der interessantesten Teams (Neapel hatte seinerzeit Diego Maradona in seinen Reihen) trafen seiner Meinung nach viel zu früh aufeinander. Noch dazu wurde das Hinspiel aufgrund einer Disziplinarmaßnahme der UEFA in Madrid vor leeren Rängen ausgetragen. Berlusconi befürchtete, dass ein frühes Ausscheiden auch seinen AC Mailand ereilen könnte und sah die vielen verschenkten Einnahmen aus Übertragungsrechten. Die größten der Großen müssten viel öfter gegeneinander spielen und sollten sich nicht in einer K.O.-Runde gegenseitig eliminieren.

Im Halbfinal-Rückspiel des Europapokals der Landesmeister 88/89 deklassiert Arrigo Sacchis Mailand Real Madrid. 5:0 heißt es am Ende.

„Der Europapokal der Landesmeister ist ein Anachronismus. Es ist nicht wirtschaftlich, wenn ein Verein wie Milan bereits in der ersten Runde des Wettbewerbs ausscheiden könnte. Das ist keine moderne Denkweise“

Silvio Berlusconi, Interview mit World Soccer, 1991

Berlusconi beauftragte schon 1988 eine Werbeagentur mit dem Konzept für eine „European Television League“, die darauf basierte, die traditionsreichsten und medienwirksamsten Klubs gegeneinander antreten zu lassen, um ein möglichst gut vermarktbares Produkt für das Fernsehen zu kreieren. Der Plan wurde veröffentlicht und war wohl eher als Drohung an die UEFA zu verstehen.

Die Lobbyarbeit und der Plan einer Europa-Liga (wie sie heute immer noch von Klubbossen gefordert bzw. angedroht wird) verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Druck der europäischen Klubbosse, unter denen Berlusconi ein wichtiges Sprachrohr war, mündete schließlich in der Einführung der Champions League und gab den Anstoß für die fortlaufende Veränderung des Turniermodus.

Ob man ihm nun dafür danken soll, dass wir inzwischen alljährlich in den Genuss der immer gleichen Achtel-, Viertel- und Halbfinals in der Königsklasse kommen, sei dahingestellt. In jedem Fall war Berlusconis Herangehensweise an die Führung eines Profifußballklubs wegweisend für das, was kommen sollte und ein wichtiges Puzzelteil für die großen Erfolge, die der AC Mailand in den vergangenen 30 Jahren feiern konnte.

Inzwischen gehört der Verein nicht mehr zu den Schwergewichten des europäischen Fußballs und ist in gewisser Weise ein Opfer der Entwicklungen geworden, die Silvio Berlusconi half, anzustoßen. Heute teilen andere Vereine einen Großteil der Champions-League-Millionen untereinander auf. Berlusconi, inzwischen über 80, plant indes seinen Ausstieg. Der AC Mailand soll an ein chinesisches Investoren-Konsortium veräußert werden. Ob dieses anstehende Kapitel den Verein wieder zu einem der Topklubs in Europa machen wird, ist fraglich. Fest steht, dass das Engagement von Berlusconi den AC Mailand aber auch den europäischen Fußball nachhaltig beeinflusst hat.

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  • Ciro Immobile (1990)
  • Peniel Mlapa (1991)

Wer gegen wen?

Wer hat hier gegen wen gespielt? Und in welchem Jahr war das? Eure Antwort könnt ihr z.B. per E-Mail an kalenderquiz@120minuten.net senden. Wir lösen im Laufe der Woche auf.

Die Auflösung von letzter Woche: gesucht war die Partie Deutschland-Argentinien aus dem Jahr 1973.

Bildnachweis: Autor unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons

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